Blauzungenkrankheit und Rinderherpes: Aktuelle Tierseuchenlage angespannt

Blauzungenkrankheit und Rinderherpes: Aktuelle Tierseuchenlage angespannt
19. Apr 2016

von Dr. Markus Berneiser

1

34 Betriebe gesperrt“, „1.200 infizierte Tiere müssen getötet werden“ – Schlagzeilen wie diese lassen keinen landwirtschaftlichen Tierhalter kalt. In mehreren Bundesländern (Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Thüringen) ist die hochansteckende Tierseuche Rinderherpes aufgetreten.

Doch damit nicht genug: Die Tiergesundheitsexperten von Bund und Ländern rechnen nach den Jahren 2006 und 2007 mit erneuter Einschleppung der Blauzungenkrankheit (BT) aus Südeuropa. Das Positive: Für den Menschen sind beide Tierseuchen ungefährlich.

Fälle von Rinderherpes in mehreren Bundesländern

Das „Bovine Herpesvirus 1“ (BHV1), wie Rinderherpes fachspezifisch genannt wird, ist hochansteckend und befällt die oberen Atemwege. Erkrankungen an den Geschlechtsorganen, Fehlgeburten, Rückgang der Milchleistung und Verendungen sind ebenso möglich. Oft verläuft die Infektion auch ohne Symptome. Eine sogenannte „stumme“ Infektion kann jederzeit in eine akute Erkrankung übergehen. Infizierte Rinder bleiben lebenslang Übertragungsherd und müssen deshalb getötet werden.

Während die Infektionsquelle in Thüringen noch unklar ist, wurde sie in Baden-Württemberg identifiziert. Die betroffenen Betriebe standen in Kontakt zu einem Betrieb, bei dem im März Rinderherpes festgestellt wurde. Um eine Weiterverbreitung zu verhindern, wurden vorsorglich 30 weitere Betriebe gesperrt. Weil die BHV1-Freiheit von Rinderbeständen im nationalen und internationalen Handel zu einer Notwendigkeit geworden ist, sind die Bekämpfungsmaßnahmen sehr restriktiv.

„Für den Landwirt ist das ein großes Einzelschicksal, wenn sein Betrieb geräumt wird“, sagt Hanns Roggenkamp. Der stellvertretende Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Ulm-Ehingen aus Allmendingen-Ermelau hält selbst Rinder und kann nachvollziehen, was seine Berufskollegen gerade durchmachen.

Blauzungenkrankheit wieder auf dem Vormarsch

Bei der letzten Epidemie der Blauzungenkrankheit kam eine große Zahl an Wiederkäuern zu Schaden. Schafe, Rinder und Ziegen, aber auch Wildwiederkäuer sind gefährdet. Die Blauzungenkrankheit (BT) ist eine nichtansteckende Viruserkrankung, die durch blutsaugende Stechmücken (Gnitzen) übertragen wird. Symptome sind Fressunlust, Fieber, verstärkte Durchblutung der Kopfschleimhäute, Ödeme an den Ohren, Lippen, im Gesicht und der Zunge sowie in Einzelfällen die charakteristische Blaufärbung der Zunge.

Risikobewertung für Deutschland

Nach der erfolgreichen Bekämpfung gilt Deutschland seit Februar 2012 als BT-frei. Dieser Status ist jedoch in Gefahr, denn seit 2014 sind neue Varianten des Erregers auf dem Vormarsch. Der Serotyp 4 (BTV-4) wurde Ende 2015 in der Slowakei und Österreich festgestellt. Eine weitere Variante, der Serotyp 8 (BTV-8), tritt gegenwärtig in Zentralfrankreich auf. Die großflächigen Sperrzonen in Österreich und Frankreich reichen bereits bis zu 80 km und 100 km an die deutsche Grenze heran.

Aufgrund der fortschreitenden Süd-Nord-Bewegung der Krankheitsfälle stuft das Nationale Referenzlabor FLI die Einschleppung nach Deutschland als wahrscheinlich bis hoch ein. Als Hauptübertragungsquelle wurde die Windverwehung von infizierten Gnitzen identifiziert, aber auch andere Infektionswege sind möglich. Hochproblematisch ist, dass sowohl BTV-4 als auch BTV-8 auf eine ungeschützte Population treffen und zu schweren wirtschaftlichen Schäden und beträchtlichem Tierleid führen können.

Auswirkungen und Lösungsmöglichkeiten

Einen wirksamen Schutz stellt eine prophylaktische Impfung dar, zu der die „Ständige Impfkommission Veterinärmedizin“ eine Empfehlung ausgesprochen haben. Die Länder Baden-Württemberg und Bayern haben sich dieser Empfehlung angeschlossen und unterstützen die Impfung durch einen finanziellen Zuschuss.

Update Juni 2016:

Der Bundesrat hat den zuständigen deutschen Behörden jetzt grünes Licht gegeben, die vorsorgliche Impfung zu erlauben und gegebenenfalls auch anzuordnen. Die Umsetzung obliegt den Bundesländern. Baden-Württemberg und Bayern haben sich dieser Empfehlung bereits angeschlossen und unterstützen die Impfung durch einen finanziellen Zuschuss.

Um zumindest den drohenden finanziellen Schaden einzudämmen, ist Landwirten zu empfehlen, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Denn Zusatzkosten für Tierarzt und Medikamente sowie Einbußen in der Milchproduktion und Mast durch Fruchtbarkeitsstörungen, Verkalbungen und Handelsbeschränkungen sind enorm und gehen allein zu Lasten der Landwirte. Lediglich für seuchenbedingt verendete oder getötete Tiere erhalten Landwirte eine Entschädigung von der Tierseuchenkasse.

Als Lösung für den Ausfallschaden bietet die Vereinigte Tierversicherung (VTV) eine Ertragsschaden­versicherung (EVT) an, mit der Tierbestände (Rinder, Schweine, Geflügel) gegen anzeigepflichtige Tierseuchen und übertragbare Tierkrankheiten abgesichert werden können.

Schlagworte
empfehlen
empfehlen
Das könnte Sie auch interessieren
Kommentare

Hanns Roggenkamp

11:48 25.04.2016

Hallo Herr Dr. Berneiser, in Iherm Blog zum Thema BHV1, BT4 & BT8 werde ich zitiert, der Zusammenhang ist aber so nicht richtig! In Baden Württemberg werden, da das Land den Status BHV1 frei hat, im Fall von positiv getesteten Tieren im Bestand, Ställe teils, je nach Durchseuchung auch komplett geräumt (gekeult). Eine Impfung gegen BHV1 ist nach Angaben des MLR Stuttgart solange der Status BHV1 frei gilt nicht zulässig! Die Impfung wäre nur vorbeugend sinnvoll, für bereits befallene Tiere bringt dies nichts mehr. Deshalb wird hier im Interesse der „gesunden Betriebe“ so hart durchgegriffen um eine Verschleppung des Virus zu verhindern. Bei BT (Blauzungenkrankheit) ist die Situation eine gänzlich andere, der Erreger wird über Gnitzen (eine Stechmückenart) übertragen, die Gnitzen können über warme Winde sehr weite Strecken zurücklegen. Da der Erreger BT8 bis kurz vor der Deutsch Französischen Grenze angelangt ist, wird in Baden Württemberg eine freiwillige Schutzimpfung angeraten. Von Österreich her naht der Typ BT4, man wird also beide Schutzimpfungen gemeinsam verabreichen. Eine Keulung ist aber bisher bei BT nicht vorgesehen! In dem Blog entsteht aber der Eindruck das dieses so wäre, ich bitte Sie deshalb dieses zu berichtigen!Im Absatz weiter oben im Blog direkt bei BHV1 würde das, so finde ich besser passen. Im Übrigen bin ich seit 2001 bei der VTV versichert, halte dieses für sehr wichtig im Hinblick auf mögliche Ertragsausfälle im Rahmen solcher Seuchen. Über eine Antwort von Ihnen würde ich mich sehr freuen!
Mit freundlichen Grüßen
Hanns Roggenkamp