Fragen zur Gesundheit: Depression (Teil 1)

Fragen zur Gesundheit: Depression (Teil 1)
5. Jan 2017

von Suitbert Monz

1

Die Anzahl der psychischen Erkrankungen nimmt in Deutschland immer weiter zu. Nach dem DAK-Gesundheitsreport 2016 liegen sie mit einem Anteil von rund 16,2 Prozent hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Krankenstand an dritter Stelle. Einer breiten Öffentlichkeit bleiben die von Depression, Sozialphobien, Burnout betroffenen Menschen in der Regel verborgen. Das Social Media Team der R+V hatte die Gelegenheit, mit dem IT-Spezialisten Uwe Hauck aus Schwäbisch Hall zu sprechen, der uns von seiner Art mit einer psychischen Erkrankung umzugehen berichtet hat.

Herr Hauck, vor einiger Zeit wurde bei Ihnen eine psychische Erkrankung diagnostiziert. Wie hat sich die Krankheit bei Ihnen entwickelt?

Undiagnostiziert trug ich eine schwere, wiederkehrende Depression schon seit meiner Jugend in mir. Ich hatte aber gelernt, ganz gut damit umzugehen, zumal ich eine sogenannte agitierte Depression habe, bei der es diese Phasen völliger Antriebslosigkeit nicht gibt. Man ist dabei zwar tief depressiv, aber immer noch produktiv. Zu dieser kam aber eine sich immer mehr steigernde generelle Angststörung hinzu, die dann letztlich 2015 in einem Suizidversuch mündete.

Erst danach wurde meine Depression und die Angststörung ernsthaft behandelt. Den zuvor im Jahr 2010 diagnostizierten Burn Out 2010 hatte ich nicht ausreichend ernst genommen. Letztlich hat man mir bescheinigt, dass die Depression für mich zwar sehr negativ, aber nicht lebensbedrohlich sei. Die generelle Angststörung, also das übersteigerte Angstempfinden wurde mir gefährlich. Wo andere nur ein sehr ungutes Gefühl haben, versinke ich in schlimmen Episoden von einem Moment zum anderen in einem Gefühl lebensbedrohlicher und schlagartiger Panik.

Mit meinem Therapeuten arbeite ich daran, das zu steuern und zu reduzieren. Mittlerweile bin ich darin schon große Schritte weitergekommen. Aber man bekommt eine psychische Erkrankung, die sich quasi über Jahrzehnte entwickelt hat, nicht in ein paar Monaten in den Griff.

Sie haben dann mit Ihrer Krankheit bewusst den Weg in die Öffentlichkeit gewählt. Was hat Sie dazu gebracht?

Der Suizidversuch war schon sehr öffentlich, denn ich hatte mich in meinem persönlichen Umfeld schon geoutet. In der geschlossenen Psychiatrie schrieb ich die ersten Tage gar nichts in Social Media. Danach merkte ich aber, dass sich viele Sorgen um mich machten. Ich beschloss, nun ganz offensiv damit umzugehen (#ausderklapse), auch weil die lange Zeit des Verschweigens die Krankheit für mich eher schlimmer und intensiver gemacht hatte.

Mich zu öffnen, ehrlich zu berichten, wie es mir geht, hatte etwas Reinigendes. Ich musste darüber nachdenken, was geschehen ist, es in eine Umwelt spiegeln, die damit so gar nichts anzufangen weiß. Und in gewissem Sinn war die Öffnung auch eine Art Lebensversicherung. Denn nun wollte ich nicht mehr so schnell aufgeben, ein weiterer Suizidversuch kam und kommt für mich nicht mehr in Frage. Ihn völlig auszuschließen wäre zwar schlicht gelogen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr, sehr gering.

Welche Reaktionen auf Ihre Veröffentlichungen z. B. in Ihrem Blog oder auf Twitter gab es?

Fragen zur Gesundheit Depression (R+V Unternehmensblog)Ich hatte ja befürchtet, dass Trolle zuhauf kommen würden. Es gab aber lediglich zwei etwas negative Kommentare, der überwältigende Teil war sehr positiv und unterstützend. Am meisten freute und freut mich, dass ich dazu beitragen kann, dass andere offener mit dem Thema umgehen, sich helfen lassen oder die Erkrankung eines Familienmitglieds oder Freundes besser verstehen. Im Moment fragen sogar Schulen an, damit ich dort über meine Geschichte erzähle und zur Entstigmatisierung beitrage.

Zudem kamen regionale und überregionale Medien auf mich zu und der eine oder andere meiner „Follower“ oder Leser hat sich in der Zwischenzeit entschlossen, selbst zu einem Fachmann zu gehen, um sich untersuchen zu lassen. Für mich hat sich damit mein „Outing“ positiv entwickelt. Mit meiner Geschichte kann ich anderen helfen, gar nicht erst so tief zu fallen, wie ich es getan habe. Was kann ich mir mehr wünschen?

Wie hat Ihr direktes Umfeld auf die so entstandene „neue“ Bekanntheit reagiert? Was haben Ihre Kollegen oder Ihre Familie dazu gesagt, Herr Hauck?

Ich habe großen Zuspruch erfahren, vor allem die TV Doku wurde sehr gut aufgenommen. Im beruflichen Umfeld gibt es noch ein paar Probleme, weil anscheinend noch wenig bekannt ist, wie Depressionen im beruflichen Umfeld handzuhaben sind. Da wird oft überreagiert, wo es eigentlich reichen würde, mich direkt zu fragen. Aber auch da wird sich mit der Zeit das Blatt wenden. Kollegen und Freunde reagierten auf jeden Fall sehr positiv. Oft wurde mir gespiegelt, dass man jetzt manch ein Verhalten von mir besser verstehen könne.

Für meine Frau war es, so paradox es klingen mag, eine große Erleichterung, dass ich nach dem Suizidversuch in die Psychiatrie kam. Denn wie sie sagte: „Jetzt wird dir endlich richtig geholfen.“ Und damit hatte sie auch recht. Die Kinder haben erst nach einiger Zeit erfahren, was der Papa gemacht hat. Den Jüngsten berührte es wohl am Meisten, so dass unsere Kinderärzte zu einem Therapeuten rieten. Das haben wir für alle drei organisiert und es war die beste Maßnahme, die wir machen konnten. Es hilft weit jenseits meiner Geschichte bei allen dreien das Heranwachsen besser zu handhaben.

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Herr Hauck, wie sich die Öffentlichkeit des Themas weiterentwickelt hat und wie daraus ein eigenes Buch entstanden ist.

Schlagworte
empfehlen
empfehlen
Das könnte Sie auch interessieren
Autor
Fragen zur Gesundheit: Depression (Teil 1)
Suitbert Monz

R+V Social Media Manager, bloggt über Online-Marketingmaßnahmen, soziale Netzwerke und über das Social Media Konzept des Unternehmens.

Alle Artikel des Autors
Kommentare

Suitbert Monz / http://monz.photos

14:54 05.01.2017

In meinem privaten Blog habe ich noch einige Anmerkungen zum Thema „Kennenlernen in sozialen Netzwerken“ festgehalten. Passt vielleicht ganz gut dazu, wie ich auf @bicyclist aufmerksam wurde. http://monz.photos/2017/ich-kenne-dich-kontakte-im-neuland/

Ich kenne Dich – Kontakte im #neuland | monz.photos - Fotografie Suitbert Monz / http://monz.photos/2017/ich-kenne-dich-kontakte-im-neuland/

14:55 05.01.2017

[…] so folge ich auch schon seiner Krankheitsgeschichte eine längere Zeit. Ich konnte Uwe kürzlich in einem Interview ein paar Fragen stellen. Seine Geschichte hat mir unter anderem auch gezeigt, dass der […]

Fragen zur Gesundheit: Depression (Teil 2) - R+V BlogR+V Blog / http://www.ruv-blog.de/fragen-zur-gesundheit-depression-2/

09:17 12.01.2017

[…] 0 […]

Fragen zur Gesundheit: Achtsamkeit lernen - R+V BlogR+V Blog / https://www.ruv-blog.de/achtsamkeit/

08:20 30.03.2017

[…] Privat leitet unsere Kollegin Taiji Quan-Kurse und erzählt uns im Interview in unserer Reihe Fragen zur Gesundheit, wie man auch im Alltag Achtsamkeit lernen und einen Ausgleich zum Beruf schaffen […]

Off-Topic: Ich kenne Dich – Kontakte im #neuland - monz.photos / https://monz.photos/2017/ich-kenne-dich-kontakte-im-neuland/

13:44 11.12.2018

[…] so folge ich auch schon seiner Krankheitsgeschichte eine längere Zeit. Ich konnte Uwe kürzlich in einem Interview ein paar Fragen stellen. Seine Geschichte hat mir unter anderem auch gezeigt, dass der […]