Kia ora Aotearoa – willkommen zurück in Neuseeland! (Teil 1)

Kia ora Aotearoa – willkommen zurück in Neuseeland! (Teil 1)
15. Mrz 2016

von Dr. Markus Berneiser

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Neulich habe ich berichtet, wie es mir bei meinem Praktikum in Neuseeland erging. Nach einem weiteren Aufenthalt im Jahr 1994 war es Mitte Dezember endlich wieder soweit.

Mit dem Blick auf den Flugmonitor stieg die Spannung spürbar an. Die Landung in Auckland stand unmittelbar bevor. Was würde mich nach so langer Zeit erwarten? Was würde sich verändert haben? Wie würde das Wiedersehen mit meiner Farmerfamilie sein?

Braunes grünes Land

Nachdem wir am Flughafen den Mietwagen übernommen und uns im ungewohnten Linksverkehr vorsichtig aus Auckland herausmanövriert hatten, fiel mir ins Auge, dass die Weiden nicht so grün und saftig waren, wie ich es aus der Vergangenheit kannte. Und das zu dieser Jahreszeit! Mitte Dezember, das entspricht Mitte Juni bei uns in Deutschland. Dieser erste Eindruck bestätigte sich nahezu flächendeckend für das ganze Land.

Wie ich aus Gesprächen mit Farmern erfuhr, besteht diese Problematik bereits länger. Der Sommer 2013 war der trockenste seit 70 Jahren. Auch die Sommermonate der letzten beiden Jahre waren regenarm und die Weiden mussten – im Unterschied zu Jahren mit normalem Witterungsverlauf – bereits ab Oktober bewässert werden, um den Tieren eine Futtergrundlage bieten zu können.

Wo sind die Schafe?

SchafeDie Feststellung, dass auf jeden Einwohner Neuseelands 20 Schafe kommen, stimmt schon lange nicht mehr. Waren bei meinen früheren Besuchen die Hügel und Weiden mit wollweißen Flecken gesprenkelt, so hat sich das sehr gewandelt. Persönlich finde ich das schade, denn dieser Anblick hatte sich ’mir als landestypisch eingebrannt.

Aber aus ökonomischen Gründen ist es nachvollziehbar, dass der Schafbestand von ehemals 70 Millionen Tieren auf knapp unter 30 Millionen mehr als halbiert wurde. Grund ist der langjährige massive Verfall der Woll- und Fleischpreise. In der Folge stellten viele Farmer ihre Produktion um. Die Milchviehpopulation wurde massiv aufgestockt und auch in Landstrichen etabliert, die ohne Bewässerung nicht dazu geeignet wäre.

Milchviehhaltung in Neuseeland

Wiese NeuseelandDie Milchviehhaltung in Neuseeland findet fast ausschließlich unter freiem Himmel statt. Ein Teil der Betriebe hat zwar Winterställe, ganzjährige Stallhaltung kommt hingegen nur vereinzelt vor. Die Dairy Farmer (Milchviehhalter) kombinieren extensive Haltung mit intensiver Weidenutzung. Das sieht so aus, dass die Kühe für einen kurzen Zeitraum in hoher Besatzdichte einen Paddock (abgeteiltes Stück einer Weide, je nach Herdengröße ca. 3 bis 7 Hektar) beweiden, bevor sie eine frische Portionsweide zugeteilt bekommen. Ein Teil der Farmer kommt ganz ohne Zufütterung aus, andere reichern die Futter­ration durch Steckrüben, Futterkohl oder Futterrüben an. Kraftfutter zählt üblicherweise nicht zur Futterration, weil die Getreidepreise relativ hoch sind.

Nach der Depression kam der Aufschwung

Der neuseeländische Agrarsektor ist inzwischen im Unterschied zur europäischen Landwirtschaft weitgehend liberalisiert. Doch bis 1973 exportierte Neuseeland den Löwenanteil seiner landwirtschaftlichen Erzeugnisse nach Großbritannien. Durch den EG-Beitritt Großbritanniens rutschte Neuseeland in den Status eines Drittstaates. Die Folge: Die EG erhob Außenzölle auf neuseeländische Importe, um ihren Binnenmarkt zu schützen. Dadurch brach für Neuseeland der britische Absatzmarkt fast komplett weg.

Neuseeland stürzte in eine mehrjährige wirtschaftliche Depression. Ab Mitte der 1980er Jahren sortierten sich die Kiwis neu, indem sie zum Teil schmerzhafte Strukturreformen durchführten. Der Erfolg blieb nicht aus: Mittlerweile verfügen sie über eine der liberalsten Volkswirtschaften der Welt.

Heute kommen Neuseelands Farmer ohne staatliche Subventionen aus und produzieren zu Welt­marktpreisen. Aktuell stehen auf Neuseelands Weiden rund 5,2 Mio. Milchkühe. Im Durchschnitt hält jeder Dairy Farmer mehr als 400 Milchkühe. Die Jahresleistung einer neuseeländischen Kuh liegt bei 4.200 kg und ist damit halb so hoch wie die einer deutschen Milchkuh (2015: 8.453 kg). Allerdings werden Neuseelands Milcherzeuger nicht nach der Milchmenge bezahlt, sondern nach den Inhaltstoffen Fett und Eiweiß. Zur Kompensation der Menge verwenden die Neuseeländer Kreuzungstiere, deren Milch höhere Fett- und Eiweißgehalte hat.

Eine fortsetzung lesen Sie im zweiten Teil des Artikels.

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Kommentare

Harald Krummenauer

11:04 17.03.2016

Hallo Herr Dr. Berneiser,

ein sehr spannender Artikel. Ein ganz spezielles und einzigartig schönes Land, das jetzt auch massiv den Klimawandel abbekommt. Ich war 2013 dort und habe lange Kolonnen mit Viehtransportern gesehen, die wir dann später auf der Fähre wieder trafen. Die Milchbauern hatten ihre Kühe im Hochsommer angesichts der extremen Trockenheit von der Süd- auf die Nordinsel verfrachtet, wo es noch mehr Futter gab. Das wird sicher in den nächsten Jahren nicht besser.

Horst Thuy

13:32 21.03.2016

Hallo Herr Dr. Berneiser,
wirklich ein sehr interessanter Artikel! Interessant auch deshalb, weil Sie anschaulich berichten, wie sich über die Jahre ein Land, auch ein so großes wie Neuseeland, durch Klima und eine umgestellte Landwirtschaft verändert. Und weil deutlich wird, dass auch eine politisch-ökonomische Entwicklung auf der einen Seite der Weltkugel, Stichwort EU, weitreichende Auswirkungen auf die andere Seite haben kann. Wie sehr doch beinahe alles zusammenhängt…

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