Landwirtschaftliches Praktikum in Neuseeland

Landwirtschaftliches Praktikum in Neuseeland
1. Mrz 2016

von Dr. Markus Berneiser

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Es ist lange her, denn es war 1991, als ich mit einer Studienfreundin aufbrach, um nach dem Vordiplom im Studiengang Agrarwissenschaften an der JLU Gießen ein mehrmonatiges Praktikum auf einer Farm in Neuseeland zu absolvieren. Von dieser Erfahrung berichte ich im folgenden Blogartikel.

Damals hatte noch niemand die Verfilmung von „Der Herr der Ringe“ auf dem Schirm. Smartphones, Facebook und WhatsApp waren noch nicht erfunden und ein Briefwechsel nach Deutschland dauerte knapp vier Wochen. Kontakt zum anderen Ende der Welt zu halten, erforderte also viel Geduld.

Eine unendlich lang erscheinende Anreise führte uns über Chicago, San Francisco und Honolulu nach Auckland in den Norden Neuseelands. Aber damit noch nicht genug, denn es lag noch eine nahezu ganztägige Zugreise bis nach Christchurch auf der Südinsel vor uns. Nach mehr als 60 Stunden Reisezeit kamen wir endlich total erschöpft auf unseren Farmen in der Nähe von Ashburton in Mid Canterbury an.

Aufgaben auf der Farm

Nach ein paar Tagen Eingewöhnung an die neue Umgebung, die Gastfamilie und den Kiwi-Slang ging es dann richtig los. Ich hatte das Gefühl, dass Murray, mein Farmer, mich dringend erwartet hatte, denn er schien mit einigen Arbeiten in zeitlichem Verzug.

Rinder auf der FarmMeine Farm war eine Mischfarm mit 197 Hektar Fläche. Auf knapp 40 Hektar wurde Getreide angebaut, 80% der Betriebsfläche entfiel auf Weiden. Zum Tierbestand zählten 1.300 Mutterschafe (Romney, Coopworth), ein paar Böcke und knapp über 110 Kälber und Jungrinder. Natürlich gab es auch einige Border Collies, die bei der Arbeit mit den Schafen unterstützten.

Neben den täglichen Arbeiten wie Kälber füttern standen zunächst die Saatbettvorbereitung und die Aussaat im Vordergrund, denen die saisonalen Arbeiten rund um die Schafe und Lämmer folgten.

Ein Highlight war die jährliche Schafschur. Nicht immer ganz zimperlich, aber dennoch sorgsam mit den Tieren war es sehr beeindruckend zu sehen, wie jeder Handgriff der Schafscherer, eine Kolonne verwegen aussehender Kraftprotze, saß und alle Mutterschafe in nur zwei Tagen von der Wolle befreit wurde.

Lachszucht in Neuseeland

ArtikelDie Besonderheit der Farm war die Lachszuchtanlage, die Murray mit seinem Partner Bruce, einem Bauunternehmer, konzipiert und gebaut hatte. Auf den ersten Blick sah sie aus wie eine Kläranlage mit sechs runden Betonbecken, angeordnet in zwei Dreierreihen. Die Becken wurden permanent mit Frischwasser aus einem Bach versorgt. Dank der intelligenten Konfiguration der Anlage war keine Pumpe für die Durchleitung des Wassers nötig. Das Füttern, Reinigen und Kontrollieren der Lachszucht zählte auch zu den täglichen Aufgaben. Während meiner Zeit kam ein Redakteur des Ashburton Guardian auf den Betrieb, um eine Reportage über den außergewöhnlichen Betriebszweig zu schreiben. Als er erfuhr, dass ich vom anderen Ende der Welt zu Gast war, sollte ich natürlich für ein Foto posieren. Und so kam es, dass ich im November 1991 in einer neuseeländischen Tageszeitung abgebildet war (mit kleinem Druckfehler im Nachnamen).

Meine Highlights der Reise

Am meisten beeindruckt mich die Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Einstellung der Menschen. Die Kiwis arbeiten, um zu leben, nicht umgekehrt. Ich wurde sehr herzlich empfangen und in die Familie integriert. Die Mahlzeiten – und es waren meist fünf an der Zahl – wurden oft gemeinsam eingenommen. Und auch abends saßen wir meist noch beisammen oder machten nach dem Einkauf beim Landhändler auch mal Pause im Pub. Für den Blick über den Tellerrand besichtigte mein Farmer mit mir andere Betriebe. Auch die Canterbury A&P-Show, eine große landwirtschaftlichen Ausstellung in Christchurch, besuchten wir gemeinsam.

Wer Neuseeland aus dem etwas anderen Blickwinkel des Farmlebens – und hier insbesondere aus der Sicht des Border Collies „The Dog“ – kennen lernen möchte, der sollte unbedingt einen Blick in die Comicreihe „Footrot Flats“ werfen.

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Kommentare

Matthias Peters

07:35 03.03.2016

Sehr interessanter Bericht. Vielen Dank dafür.
Ob das heute auch noch ist?

Markus Berneiser

09:57 03.03.2016

Hallo Herr Peters,
natürlich ist auch in NZL die Luft etwas ‚dünner geworden‘, da sich die Kiwis dem zunehmenden internationalen Wettbewerb stellen müssen.
Aber generell sind sie doch recht entspannt. Das habe ich bei meinem letzten besuch wieder gespürt. Hierzu mehr im nächsten Blog-Beitrag.

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