Eine Schutz-Illusion: Sicherheit im Alltag

Eine Schutz-Illusion: Sicherheit im Alltag
29. Nov 2012

von Karin Clemens

0

Der Wunsch des Menschen, sein Leben und seine Umwelt möglichst umfassen zu kontrollieren, ist eng mit dem Bedürfnis nach Sicherheit verknüpft. In der Entwicklung der Menschheit war es schließlich schon immer wichtig, sich vor Gefahren in Sicherheit zu bringen und Schutz vor natürlichen Bedrohungen, wie Kälte, Gewitter, wilden Tieren oder anderen Lebensbedrohungen zu finden.

Unser grundlegendes, instinktives „Sicherheitssystem“, die Stressreaktion ist dementsprechend darauf angelegt, mögliche Gefahrenquellen schnell zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten (in der Regel ist das kämpfen oder fliehen).

In unserem modernen Leben in Westeuropa ist unsere Umwelt – zum Glück – relativ sicher. Dennoch besteht grundsätzlich jeden Tag die Gefahr, dass wir durch einen Unfall oder einen tätlichen Angriff zu Schaden kommen.

Man kann sogar davon ausgehen, dass ein großer Teil der Deutschen im Laufe des Lebens mit einer lebensbedrohlichen, also einer potenziell traumatischen Situation konfrontiert wird.

Katastrophen im Alltag

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie schaffen wir es, in unserem Alltag nicht mit einem permanenten Gefühl der Angst und der Bedrohung zu leben?

Die Antwort lautet: Wir geben uns einer Illusion hin – der Illusion, dass wir unser Schicksal, unser Leben, unsere Umwelt kontrollieren.

Wir leben in unserem Alltag in der Regel mit einem Gefühl der Sicherheit: Lesen wir von Gewalttaten oder von schweren Verkehrsunfällen in der Zeitung, dann haben wir meistens das Gefühl, dass so etwas eben nur in der Zeitung steht, woanders passiert und dass wir selber von so etwas nicht betroffen werden.

Auch wenn wir uns im Straßenverkehr bewegen, machen wir uns nicht ständig bewusst, dass wir in den nächsten Minuten einen schweren Unfall erleiden könnten. Das Sicherheitsgefühl, mit dem wir leben, ist keine Folge einer rationalen Analyse, sondern basiert auf im Lebensverlauf entwickeltem Vertrauen in uns selbst und unsere Umwelt.

Unser Unbewusstes, signalisiert die Abwesenheit von Gefahr.

Diese „Kontrollillusion“ hilft uns, das Leben zufriedenstellend und ohne ständige Angst zu meistern. Insofern ist die Fähigkeit, Gefahren und Risiken in einem gewissen Maß zu verdrängen, eine sehr hilfreiche Fähigkeit, die uns das Gefühl gibt, unser Schicksal weitgehend in der Hand zu haben.

Kontrollverlust verarbeiten

Werden wir dennoch einmal mit einer Situation konfrontiert, auf die wir kaum oder gar keinen Einfluss haben, in der wir vielleicht einfach nur instinktiv reagieren können, die uns aber in einem starken Maß unsere eigene Hilflosigkeit und unseren Kontrollverlust erleben lässt, führt dies häufig zu einer starken seelischen Erschütterung.

In der Folge ändert sich oft unsere Beurteilung der Umwelt: haben wir vorher die Gefahren in der Umwelt in gewissem Sinn unterschätzt (Kontrollillusion), überschätzen wir nun häufig die Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Gefahren und wir rechnen fortwährend mit weiteren Angriffen oder Katastrophen.

Das äußert sich in Schreckhaftigkeit, Ängsten und einem anhaltenden Gefühle von Hilflosigkeit.

Es hat sich als hilfreich erwiesen, in der ersten Zeit nach einem traumatischen Ereignis das subjektive Sicherheitsgefühl und das Kontrollerleben zu stärken: Wichtig ist vor allem, für „äußere Sicherheit“ zu sorgen, also zum Beispiel Gesellschaft zu suchen oder ganz bewusst zu kontrollieren, ob alle Türen und Fenster gut geschlossen sind, der Raum überschaubar ist usw.

Ebenfalls hilfreich für viele Menschen ist es, Dinge zu tun, die sie gut können und die ihnen die eigene Stärke und Kompetenz vor Augen führen.

Ebenso kann es gut tun, sich intensiv an Situationen und Probleme in der Vergangenheit zu erinnern, die man gut bewältigt hat und aus denen man eigene Stärken und damit Kontrollmöglichkeiten ableiten kann.

Wichtig ist zu wissen, dass der (Neu-) Aufbau des subjektiven Sicherheitsgefühls Zeit braucht und über die „normale“ Alltagsabwicklung sich langsam wieder entwickelt.

Schlagworte
empfehlen
empfehlen
Das könnte Sie auch interessieren
Autor
Eine Schutz-Illusion: Sicherheit im Alltag
Karin Clemens

Dipl.-Psych., Geschäftsführerin von HumanProtect Consulting (HPC), ein Tochterunternehmen der R+V, das Dienstleistungen rund um die psychische Gesundheit anbietet.

Alle Artikel des Autors
Kommentare