Essstörungen – was tun bei Magersucht?

Essstörungen – was tun bei Magersucht?
6. Mrz 2014

von Karin Clemens

2

Magersucht ist eine Erkrankung, die meistens Mädchen und junge Frauen betrifft, aber auch immer häufiger bei jungen Männern festgestellt wird. Bei der Magersucht sind  Selbstbild und Körperempfinden gestört; der selbstverursachte Gewichtsverlust wird zum Inhalt des Denkens und Handelns. Doch wie lässt sich die Erkrankung erkennen, welche Folgen bringt sie mit sich und was kann man tun?

Was ist kennzeichnend für eine Magersucht?

Die Betroffenen empfinden sich als „zu dick“, auch wenn sie erhebliches Untergewicht aufweisen. Häufig ist Magersucht gepaart mit hohem Leistungsdenken auf verschiedenen Ebenen des Lebens.

  • Ständiges Wiegen und sich zu dick fühlen, trotz einem BMI (Body-Mass-Index) von unter 17,5, bei dem man von Untergewicht spricht.
  • Das Essverhalten ist gestört und oftmals stark ritualisiert: z. B. extrem langsames Essen; extrem heiß oder kalt essen; Verzehr von Baby- oder Kindernahrung; breiige Kost; Bevorzugung von kalorienarmen Nahrungsmitteln und Getränken (meist sehr einseitige Nahrungsauswahl); vorgetäuschtes Essen (kauen und ausspucken); kochen, backen, Rezepte sammeln und andere zum Essen animieren.
  • Fehlender Kontakt zum Körper und dessen Bedürfnissen, der Körper wird als Feind erlebt und bekämpft. Magersüchtige machen z. B. vieles im Stehen, setzen sich der Kälte aus, treiben exzessiv Sport, tragen oft schwere Taschen oder Rucksäcke.
  • Die Betroffenen sind sehr kontrolliert und vom Kopf gesteuert. Die Kontrolle vermittelt das Gefühl, autonom und selbständig zu sein. Dies ist oft verbunden mit Rückzugsverhalten, Schwarzweißdenken und depressiven Verstimmungen.
  • Viele Magersüchtige neigen zu übertriebener Sparsamkeit und extremen Reinlichkeitssinn, oft wird jegliche lustbetonte Betätigung abgelehnt, viele haben eine ausgesprochen spartanische Lebensweise.
  • Die Betroffenen verweigern sich über lange Zeit,  sich ihre Krankheit einzugestehen.

Was sind die Folgen?

Aufgrund der massiven Mangelernährung kommt es zu zahlreichen körperlichen Folgeschäden wie etwa das Absinken des Stoffwechsels, des Pulses, des Blutdrucks und der Körpertemperatur. Das führt zu Müdigkeit, Frieren und Verstopfung. Trockene Haut und brüchige Haare zeigen die hormonellen Veränderungen an, die sich auch im Ausbleiben der Menstruation und im Extremfall auch in einer Veränderung der Körperbehaarung äußern. Bei einer Erkrankungsdauer über mehrere Jahre kann es als Folge der hormonellen Veränderung auch zu Osteoporose kommen (Verringerung der Knochendichte).

Wichtig hierbei: die massiven körperlichen Beeinträchtigungen führen bei den Betroffenen nicht dazu, wieder anzufangen, zu essen. Im Gegenteil. Daher zählt die Magersucht zu einer der gefährlichsten psychischen Störung, die neuesten Zahlen gehen davon aus, dass 5 – 20 % der an Anorexie erkrankten Personen innerhalb von 20 Jahren nach Erkrankungsbeginn sterben.  Es besteht zudem die Gefahr, dass die Magersucht chronisch wird.

Neben den körperlichen Veränderungen lassen sich auch eine Vielzahl von seelischen Folgen festhalten:

Wie z. B. der ständige zwanghafte Vergleich mit anderen Menschen, ein starkes Kontrollbedürfnis, Schuldgefühle, wenn etwas schmeckt, Angst vor eigenen Bedürfnissen, Selbsthass, Geiz, zwanghaftes Verhalten (Waschen/Putzen), sozialer Rückzug, depressive Verstimmungen, manchmal auch selbstverletzendes Verhalten.

Was tun bei Magersucht?

Die Magersucht ‚wächst sich nicht aus‘, sondern muss behandelt werden. Es reicht nicht, darauf zu hoffen, dass die Betroffenen mit dem ungünstigen Essverhalten aufhören, und  wieder beginnen, „normal zu essen“.

Vielmehr ist es  wichtig, eine fachlich gut fundierte Behandlung durchzuführen.  Im Zentrum steht dabei eine auf Essstörungen spezialisierte Psychotherapie. Bei Kindern- und Jugendlichen wird dabei auch die ganze Familie in die Behandlung miteinbezogen. Dies setzt aber voraus, dass  sich die Betroffenen selber – aber auch die Bezugspersonen – eingestehen, an einer psychischen Störung zu leiden.

Ein erstes Ziel für die Betroffenen ist die Aufgabe der Verleugnungsstrategien und das Eingeständnis sich selbst gegenüber, krank zu sein sowie medizinische und therapeutische Hilfe akzeptieren. Dabei hilft es auch, einen auf Magersucht spezialisierten Arzt aufzusuchen, der die Gewichtszunahme regelmäßig kontrolliert und unterstützt.

Weitere Informationen

  • Bereits jede dritte Schülerin (zwischen 12 bis 20 Jahren) leidet an Frühformen von Essstörungen, bei 14% dieser Altersgruppe besteht bereits ein sehr hohes Risiko für die Entwicklung einer Magersucht. Jede/r  7. Jugendliche ist ein Magersuchts-Risikofall.
  • 60% der Magersüchtigen werden bulimisch (durch das ständige Hungern, entwickeln die Betroffenen Heißhungeranfälle, die sie dann in den meisten Fällen mit Erbrechen oder Abführmitteln kompensieren).
  • 90 bis 95% aller Magersüchtigen sind weiblich (5 bis 10% männlich), ca. 1-3% der Deutschen leiden an Anorexie.

[Der Blog basiert auf einem Gastbeitrag unserer HPC-Mitarbeiterin Julia Krieg]

Schlagworte
empfehlen
empfehlen
Das könnte Sie auch interessieren
Autor
Essstörungen – was tun bei Magersucht?
Karin Clemens

Dipl.-Psych., Geschäftsführerin von HumanProtect Consulting (HPC), ein Tochterunternehmen der R+V, das Dienstleistungen rund um die psychische Gesundheit anbietet.

Alle Artikel des Autors
Kommentare

Susanne Gasse

14:32 06.03.2014

Guten Tag,

grad läuft es mir heiß und kalt den Rücken runter. Dieser Bericht beschreibt zu fast 100% die Geschichte meiner 16 (fast 17jährigen) Tochter.

Sie selbst ist aber nicht dazu zu bewegen sich Hilfe zu nehmen.

Bitte rufen Sie mich an.

Mit freundlichen Grüßen
Susanne Gasse

    Essstörungen – was tun bei Magersucht? Suitbert Monz

    13:43 07.03.2014

    Hallo Frau Gasse,
    es ist schlimm, dass Sie diese Beschreibung wieder erkennen. Wir leiten Ihre Kontaktanfrage direkt an unsere HumanProtect Consulting Kollegen weiter, die sich dann umgehend bei Ihnen melden.
    Wir wünschen Ihnen und Ihrer Tochter alles Gute!
    Viele Grüße, Suitbert Monz