Essstörungen – der Hunger nach Anerkennung

Essstörungen – der Hunger nach Anerkennung
16. Mai 2013

von Karin Clemens

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Essstörungen sind keine Ernährungsprobleme, sondern eine seelische Erkrankung, die bei Betroffenen und deren Angehörigen viel Leid verursacht.

Essen oder Nicht-Essen wird zum Stimmungsbarometer und zum Maßstab für die eigene Wertigkeit und Selbstzufriedenheit.

Die Gefahr zur Entwicklung einer Essstörung besteht, wenn

  • das eigene Wohlbefinden vom Körpergewicht abhängt
  • Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl fehlen
  • die Selbstachtung durch das Urteil der Außenwelt bestimmt wird
  • Liebe durch Perfektion „erkauft“ werden muss
  • der eigene Körper ständig abgelehnt wird

Für essgestörte Mädchen und jungen Frauen, aber immer häufiger auch für Jungen und Männer, ist Nahrung ein ständiges und bedrohliches Thema. Diese psychische Dimension prägt das Essverhalten und nicht Appetit auf Schmackhaftes, Genuss oder gar echter Hunger. Die Kontrolle steht im Vordergrund: sie beherrscht das Essen und die Lebensmittelauswahl. Das eigene Wohlbefinden wird vom „richtigen“ Essverhalten abhängig gemacht. Das Essen ist vom Lebensmittel zum Lebensmittelpunkt geworden. Essen ist mit Scham- und Schuldgefühlen, der Angst zuzunehmen und dem Empfinden, zu versagen, verbunden.

Wann beginnt eine Essstörung?

Es ist schwierig, eine Definition dafür zu finden, was „normales“ Essverhalten ist und wann genau schon eine Essstörung vorliegt. Aber es gibt ganz charakteristische Verhaltensweisen bezüglich des Essens, der eigenen Körperwahrnehmung und der Gedanken, die kennzeichnend für eine Essstörung sind. Die Beschreibungen finden sich bei den jeweiligen Essstörungen.

Alle Essstörungen sind geprägt von:

  • Störungen des Körperbildes und Essverhaltens
  • Störungen der Körper- und Gefühlswahrnehmung
  • Irrationalen Überzeugungen und Werthaltungen
  • Gefühlen persönlicher Ineffektivität
  • ein alles durchdringendes Gefühl der eigenen Insuffizienz (Wert- und Hilflosigkeit)

Je früher eine Essstörung erkannt und behandelt wird, umso besser sind die Chancen, die Essstörung erfolgreich zu überwinden. Das is vor allem deswegen von Bedeutung, weil  Essstörungen – neben den psychischen und sozialen Belastungen – mit einem großen gesundheitlichen Risiko verbunden sind.

Welche Essstörungen gibt es?

Es gibt viele verschiedene Essstörungen und es müssen nicht alle beschriebenen kennzeichnenden Merkmale zutreffen, damit jemand als essgestört gilt. Vielfach finden sich Mischformen und die Übergänge sind gleitend. Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und Binge Eating Disorder (Esssucht) sind die am häufigsten vorkommenden Essstörungen. Daneben treten vermehrt die Formen Anorexia athletica bzw. Bulimia athletica und latente Essstörungen auf.

In diesem Beitrag wird es zunächst nur um die latente Essstörung gehen. Über weitere Formen der Essstörung werden wir in nächsten Beiträgen berichten.

Latente Essstörung

Die latente (= verborgene, versteckte) Essstörung ist oftmals Vorbote einer behandlungsbedürftigen Essstörung, die aber noch nicht vollständig in Erscheinung tritt.

Was ist kennzeichnend für die latente Essstörung?

  • Verwenden von Appetitzüglern, Lightprodukten, Abführmitteln
  • Wechsel zwischen übermäßigem Essen und Diät halten, oftmals begleitet von hohen Gewichtsschwankungen innerhalb kurzer Zeit, Jojo-Effekt, Kalorienzählen, Angst vor Gewichtszunahme, Unfähigkeit entspannt zu genießen und den Hunger zu befriedigen, häufige, immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit dem Körpergewicht, fehlendes Vertrauen in die eigenen Bedürfnisse und Körpersignale.

Was tun bei einer latenten Essstörung?

  • regelmäßig Möglichkeiten zur Bewegung nutzen
  • Lernen, Körpersignale richtig zu deuten: Müdigkeit, Durst, Hunger

Weitere Informationen

  • Es gibt kein Produkt zur langfristigen Gewichtsreduktion, alle Diätprodukte sind auf die Dauer wirkungslos
  • Insgesamt haben ca. 75 % aller Frauen in Deutschland bereits Diäten ausprobiert
  • Für ein Pfund Gewichtsverlust werden in Deutschland etwa 160 Euro ausgegeben, z.B. für Fitnessstudio, Lightprodukte, Diätprodukte, Appetitzügler
  • 57 % der deutschen Gymnasiastinnen bzw. 54 % der deutschen Studentinnen sind mit ihrem derzeitigen Gewicht zufrieden und 40 % der deutschen Grundschüler (zw. 8 – 12 Jahren) wären gerne dünner
  • Oftmals beginnt eine Essstörung mit der Zuwendung zu einer bestimmten Kostform (z.B. Veganismus, Makrobiotik, Rohkost, Fruganismus), die in eine Besessenheit vom „gesunden“ bzw. „richtigen“ Essen mündet

 

[Dies ist ein Gastbeitrag unserer HPC-Mitarbeiterin Julia Krieg]

 

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Essstörungen – der Hunger nach Anerkennung
Karin Clemens

Dipl.-Psych., Geschäftsführerin von HumanProtect Consulting (HPC), ein Tochterunternehmen der R+V, das Dienstleistungen rund um die psychische Gesundheit anbietet.

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