Funktioniert Psychotherapie?

Funktioniert Psychotherapie?
20. Sep 2012

von Karin Clemens

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Seit der Entwicklung der modernen Psychotherapie durch Sigmund Freud vor nunmehr mehr als 100 Jahren, wird auch zugleich versucht, durch Forschung klare Antworten auf die Fragen zu bekommen, ob und wie Psychotherapie wirkt.

In den Anfängen nutzten die Pioniere Einzelfallstudien, um überhaupt erst einmal eine Theorie über den Menschen zu erstellen und eine entsprechende Behandlungstechnik abzuleiten.

Je mehr sich die Psychotherapie professionalisierte, ausweitete und auch in einzelne therapeutische Disziplinen (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, etc.) differenzierte, um so wissenschaftlicher wurden auch die Forschungsbemühungen hinsichtlich der Frage,

  • welche Methoden wie wirken
  • welches Therapieverfahren aus welchen Gründen für welche Patienten besonders geeignet ist
  • wie möglichst effiziente Behandlungsmethoden entwickelt werden können

Eine grundlegende,  erfreuliche Erkenntnis

Es gelang zumindest schon einmal der Nachweis, dass Psychotherapie überhaupt wirkt. Die Besserungsquote durch psychotherapeutische Maßnahmen liegt deutlich über der sogenannten „Spontanremissionsrate“, also den Verbesserungen, die ohne professionelles  Hinzutun im Rahmen eines natürlichen Selbstheilungsprozesses zu erwarten sind. Psychotherapie ist also wirksam und das über alle Therapieformen hinweg.

Hinsichtlich der unterschiedlichen Therapieformen wurde herausgefunden, dass diese in verschiedenen Bereichen auch unterschiedlich wirksam sind. Wesentlich war die Erkenntnis, dass insbesondere „verfahrensunabhängige“ Wirkfaktoren ausschlaggebend für die Effekte einer Therapie sind.

Dies sind zum einen die persönlichen Faktoren des Patienten, also alles das, was er an Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erwartungen, Motivationen, Hoffnung etc. mit in die Therapie bringt und zum anderen die Qualität der therapeutischen Beziehung, wie sie subjektiv vom Klienten erlebt wird und die es ihm ermöglicht, neue  korrigierende Beziehungserfahrungen zu machen.

Wirkfaktoren von Psychotherapie

Was die Stärke allgemeiner Wirkfaktoren betrifft, wird geschätzt, dass

  • 40% des Therapieerfolges von Klientenfaktoren abhängen
  • 30%  von der therapeutischen Beziehung
  • 15%  von der spezifischen therapeutischen Methode
  • 15%  von der „positiven Erwartungsinduktion“, also allein von der optimistischen Erwartung von Therapeut und Klient,
    dass die Therapie etwas bewirken werde (Das kann mit dem berühmten „Placebo“-Effekt erklärt werden)

Ein Meilenstein in der modernen Psychotherapieforschung waren die aufwändigen Untersuchungen von Klaus Grawe, der analysierte, welche Faktoren in der therapeutischen Behandlung selber zu einem Erfolg in Form einer positiven Veränderung führen.

Hier lassen sich vier weitere allgemeine Faktoren beschreiben:

Ressourcenaktivierung
Es gilt die ganz individuellen positiven Möglichkeiten des Patienten, seine Fähigkeiten, Fertigkeiten, Eigenarten, Kenntnissen, Interessen und Wünsche zu aktivieren und für ihn nutzbar zu machen

Problemaktualisierung
Die Therapie muss es ermöglichen, dass die Probleme des Patienten unmittelbar erfahrbar gemacht werden –  nur darüber reden reicht nicht aus. Zu diesem Zweck werden beispielsweise in der Verhaltenstherapie Konfrontationsübungen oder Rollenspiele durchgeführt, in anderen Verfahren wirkt beispielsweise das Erleben „verdrängter“ Emotionen und Bedürfnisse in dieser Hinsicht

Problembewältigung
Hierunter fallen alle Hilfestellungen, die es dem Patienten ermöglichen, seine konkreten Probleme zu bewältigen, sei es durch Vermittlung von Strategien oder Fertigkeiten, sei es beispielsweise durch Veränderung von Bewertungsmustern.

Motivationale Klärung
Hier geht es darum, dass der Therapeut dem Patienten dabei hilft, sich über die Bedeutungen seines Erlebens und Verhaltens im Hinblick auf seine bewussten und unbewussten Ziele und Werte klarer zu werden. Allein die Klärung, dass ein Patient versteht, warum er in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art empfindet und wie sich bestimmte Verhaltensweisen eingeprägt haben, hat einen entlastenden, aber auch direkt verändernden Effekt.

Es ist nun sicherlich so, dass unterschiedliche Therapieformen ihre Schwerpunkte auf verschiedenen Faktoren haben – letztlich hängt es verfahrensunabhängig von der Qualität des Therapeuten ab, ob er den individuellen Bedarf des Patienten erkennen kann.

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Autor
Funktioniert Psychotherapie?
Karin Clemens

Dipl.-Psych., Geschäftsführerin von HumanProtect Consulting (HPC), ein Tochterunternehmen der R+V, das Dienstleistungen rund um die psychische Gesundheit anbietet.

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Kommentare

Sabine Pointner / http://www.vistano-psychologie.de

18:28 08.01.2013

Ja Psychotherapie hilft wirklich. Am besten ist es im Bedarfsfall diese einmal auszuprobieren.

Funktioniert Psychotherapie? Karin Clemens

16:01 10.01.2013

Liebe Frau Pointner,
hier können wir Ihnen nur voll und ganz zustimmen.
Herzliche Grüße
Karin Clemens