Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung – manchmal etwas missverstanden

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung – manchmal etwas missverstanden
23. Sep 2015

von Karin Clemens

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Unternehmen sind seit 2013 verpflichtet, Gefährdung am Arbeitsplatz durch psychische Belastung zu beurteilen und durch vorbeugende Maßnahmen Risiken der Gefährdung zu minimieren. Im Artikel zeigen wir, warum die Prävention wichtig ist und worauf Unternehmen achten sollten.

Diese gesetzliche Vorgabe trifft bei Unternehmen nicht immer auf große Freude. Gründe dafür sind gewiss auch Unsicherheiten und Missverständnisse, worum es bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung genau geht.

Missverständnisse wie zum Bespiel, dass mit der Gefährdungsbeurteilung nach psychisch belasteten Menschen gesucht wird oder dass die Gefährdungsbeurteilung „schlafende Hunde weckt“. Beides wird dieser sinnvollen Präventionsmaßnahme nicht annähernd gerecht!

Ziel der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen ist es, optimale Rahmenbedingungen für Gesundheit, Motivation und Produktivität der Mitarbeiter zu schaffen und krankheitsbedingte Kosten für Unternehmen zu reduzieren.

Warum ist das wichtig für ein Unternehmen?

  • Ein Drittel aller Bundesbürger leidet unter einer klinisch bedeutsamen psychischen Störung.
  • Am häufigsten sind Angststörungen, Depression, psychosomatische Erkrankungen und Sucht.
  • Grund für Arbeitsunfähigkeit: 17% der Fehltage sind durch psychische Erkrankungen bedingt – das bedeutet einen Anstieg um 80% in den letzten 12 Jahren.
  • Psychische Beschwerden sind inzwischen Ursache Nummer eins für Frühverrentungen. Das Durchschnittsalter liegt bei 49 Jahren.
  • 20% aller Erwerbstätigen erleben Burnout-ähnliche Phasen (Erschöpfung!).
  • Eine psychische Erkrankung verursacht im Schnitt knapp 40 Krankheitstage pro Jahr!

Um einem weiteren Missverständnis vorzubeugen: Psychische Belastung macht nicht per se krank!

Mit psychischen Belastungen sind alle erfassbaren Einflüsse gemeint, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken. Ob sich diese Belastungen positiv oder negativ auswirken, hängt dabei von individuellen Faktoren ab, wie z. B. Fertigkeiten, Fähigkeiten, Erfahrungen, Kenntnisse, Motivation, Alter, Gesundheit, aktuelle Verfassung etc.

Gegenstand der Gefährdungsbeurteilung ist die Beurteilung und Gestaltung der Arbeit bzw. der Arbeitsbedingungen und nicht die Beurteilung von einzelnen Beschäftigten oder deren Gesundheit.

Wichtig: Es geht nicht darum, Belastung zu eliminieren, sondern sie so zu justieren, dass eine optimale Leistungsfähigkeit erreicht wird und negative Beanspruchungen minimiert werden.

Der Prozess der Gefährdungsbeurteilung ist vorgegeben und klar strukturiert:

Der Gesetzgeber hat einen Prozess definiert, den jedes Unternehmen regelmäßig durchlaufen sollte. Die Ausgestaltung der einzelnen Prozessschritte kann von den Unternehmen individuell umgesetzt werden:

  1. Festlegen von Arbeitsbereichen und Tätigkeiten,
  2. Ermitteln der Gefährdungen,
  3. Beurteilen der Gefährdungen,
  4. Festlegen konkreter Arbeitsschutzmaßnahmen nach dem Stand der Technik,
  5. Durchführung der Maßnahmen,
  6. Überprüfen der Wirksamkeit der Maßnahmen,
  7.  Fortschreiben der Gefährdungsbeurteilung (insbesondere Anpassung im Falle geänderter betrieblicher Gegebenheiten § 3 ArbSchG).
    (Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie, GDA, Stand 2011)

Individuelle Umsetzung der Prozessschritte im Unternehmen

Es gibt unterschiedliche Verfahren, wie der Prozess umgesetzt werden kann. Dabei sollte zunächst geprüft werden, welche Daten und Informationen im Unternehmen bereits erhoben werden – beispielsweise im Rahmen von Mitarbeiterbefragungen, Arbeitsschutzmaßnahmen oder Gesundheitsentwicklungsdaten – die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung kann auf diesen Daten aufbauen.

Entsprechend der Ressourcen und betriebsbedingter Gegebenheiten kann dann ein Verfahren definiert werden, das am besten zum Unternehmen passt (z.B. Beobachtung am Arbeitsplatz, Mitarbeiterbefragungen oder moderierte Analyseworkshops, siehe auch BAUA Toolbox).

Verantwortlich für die Gefährdungsbeurteilung ist der Arbeitgeber. Für die Methoden gibt es keine gesetzlichen Vorgaben. Die Vorgehensweise soll an die Gegebenheiten des Unternehmens angepasst werden. Hier bietet sich die Chance, „the best way“ für das einzelne Unternehmen zu gestalten!

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Autor
Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung – manchmal etwas missverstanden
Karin Clemens

Dipl.-Psych., Geschäftsführerin von HumanProtect Consulting (HPC), ein Tochterunternehmen der R+V, das Dienstleistungen rund um die psychische Gesundheit anbietet.

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Kommentare

Jürgen Loga / http://www.psychische-gefährdungsbeurteilung.de

07:17 24.09.2015

Leider muss ich hier bei der Methodik doch als „Auditor psychische Gefährdungsbeurteilung“ sehr widersprechen: Die Gewerbeaufsicht hat ganz konkrete Anforderungen an die Abläufe, die Dokumentation und die Inhalte! Und vergessen wurde leider, leider auch die Haftungsproblematik.

Die Umsetzung der psychischen Gefährdungsbeurteilung ist tatsächlich nicht schwierig, wenn man darin Erfahrung hat. Der Laie, selbst eine Sicherheitsfachkraft oder Btriebsarzt, ist aber mit einer rechtssicheren Vorgehensweise sehr oft überfordert.

Karin Clemens

12:23 24.09.2015

Sehr geehrter Herr Loga, vielen Dank für Ihren engagierten Kommentar. Ich sehe nicht, dass wir uns widersprechen: Den definierten Prozess haben wir genannt, die Ausgestaltung kann an die Bedingungen und Ressourcen eines Unternehmens ausgerichtet werden. Das bietet ja eben die besondere Chance eines Unternehmens, eine äußerst sinnvolle Prävention effizient durchzuführen.
Mit freundlichen Grüßen,
Karin Clemens

Oliver N.

01:33 25.09.2015

Die Anforderung an die Gefährdungsbeurteilung kann jeder selbst in der „GDA Leitlinie Beratung und Überwachung bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz“ nachlesen. Die „rechtliche“ Umsetzung gelingt damit selbst einem Arbeitschutz-Laien. Es erschließt sich nicht, warum eine Fachkraft für Arbeitssichereit oder ein Betriebsarzt als gesetzlich bestellte Fachkundige diese 28 Seiten nicht umsetzen kann?

Das Totschlagargument „Haftungsproblematik“ dient lediglich der Verkaufsförderung komplizierter Beurteilungtechniken, welche, wie im Beitrag erwähnt, jeglicher gesetzlicher Grundlage entbehren. Der Unternehmer genießt nach § 104 SGB VII ein Enthaftungsprivileg. Einen Vorsatz herbei zu zaubern, der eine negative psychische Belastung auslöst, welche eine Regulierung des Unfallversicherungsträgers nach sich zieht, selbst bei einer nicht durchgeführten Gefährdungsbeurteilung? Ungeachtet der fehlenden strafrechtlichen Relevanz, welche sich aus dem ArbSchG ergeben müsste. Darüber hinaus fehlt es an geeigneten berufsgenossenschaftlichen Regelwerken, an denen eine Abweichung einer „rechtsicheren“ Vorgehensweise abzuleiten wäre, welche die „Haftungsproblematik“ verwehrt. Auf welcher vorsätzlichen oder grob fahrlässigen Handlung sollte die Haftung nach SGB VII §110 den erfolgen?

Vielleicht ließe sich bei einem Unternehmer, welcher keinerlei Bestreben bei der Umsetzung der Anforderungen nach behördlicher Anordnung zeigt, ein Organisationsverschulden feststellen – mit der Belegung einer Ordnungswidrigkeit.

Adressat des ArbSchG ist der Unternehmer. Würde der Gesetzgeber es sich wünschen, eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen in die Händen fachkundiger Professionen zu legen, hätte er es bspw. analog der GefStoffV tun können.

Jürgen Loga / http://www.psychische-gefährdungsbeurteilung.de

17:38 25.09.2015

Ich freue mich sehr über die Diskussion hier und stimme Frau Clemens zu – möchte aber ergänzend feststellen, dass wir hier in Baden-Württemberg zum Beispiel die Situation haben, dass ein Krankenhausbetreiber, der von dem Pflegepersonal auf eine hohe psychische Belastung hingewiesen wurde aber nicht reagiert hat, nun, nachdem eine Krankenschwester unter Stress einen Patienten sterben lies, natürlich ein Problem mit seiner Fahrlässikeit hat. Auf Wunsch stelle ich auch zwei anwaltliche Gutachten zur Haftungssituation zur Verfügung.

Aber worauf Sie, werter Herr N. abheben, ist vollkommen richtig: Es gibt defacto zu wenig klare Aussagen, die Verunsicherungen bei Arbeitgebern auflösen. So schön es ist, frei über den Weg zu entschieden, so schwierig ist es für manchen, diese Enscheidung des richtigen Werkzeuges zu treffen. Die Gewerbeaufsichten beklagen sich zurecht, dass die psyGB fast überall ignoriert wird. Denn letztendlich fürchtet sich der vor allem der kleine Arbeitgeber mit nur 5-10 Arbeitnehmern vor dem Risiko des Ablaufs und ungesicherten Investitionen.

Das tragische dabei: Wird eine psychische Gefährdungsbeurteilung nicht nur auf dem papier oder laienhaft einfach (eventuell auch nciht von der Gewerbeaufsicht anerkannt) umgesetzt, hat niemand etwas davon: Die psychische Belastung nimmt nicht ab, der Ertrag im Unternehmen aufgrund von Optimierungen nimmt nicht zu, die Chance zu einer positiven Veränderung wird genommen.