Kollegen mal anders – Nebenjob mit 340 PS

Kollegen mal anders – Nebenjob mit 340 PS
9. Sep 2021

von Dr. Markus Berneiser

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Andere machen Strandurlaub, der landwirtschaftliche Versicherungsberater Steffen Schmitt fährt zehn Tage im Jahr für die Nachbarn aufs Feld – mit seinem Mähdrescher. Er hat so einen Weg gefunden, den Familienbetrieb überlebensfähig zu machen.

Schmitts Claas Lexion 630 hat eine Schneidwerkbreite von 6,60 m

Schmitts Claas Lexion 630 hat eine Schneidwerkbreite von 6,60 m.

​​​In gemächlichem Tempo schiebt sich der Claas Lexion 630 über das Weizenfeld, eine breite Staubfahne hinter sich herziehend. Wenn sich der Mähdrescher ratternd nähert, wird jedes Gespräch unmöglich. Reihe für Reihe Weizenhalme zieht das Schneidwerk in das Innere der mächtigen Maschine. Unsichtbar werden dort in einer Dreschtrommel Halm und Korn getrennt und zum Schüttler transportiert. Der lässt die schweren Körner auf ein Förderband fallen, sie werden im Korntank gebunkert.

Steffen Schmitt steht am Feld – für das Gespräch hat er einen Bekannten gebeten, den Fahrersitz zu übernehmen.. Seit April gehört der Mähdrescher ihm. Wie kommt man als landwirtschaftlicher Versicherungsberater dazu, einen eigenen Mähdrescher zu kaufen? „Der frühere Lohndrescher hier in der Gegend hat aufgehört und seine Maschine verkauft“, berichtet der diplomierte Agraringenieur. „Meine Nachbarn in Waldalgesheim wollten aber gern einen Drescher aus der Gegend.“ Denn wenn ein Lohndrescher ein paar Stunden Anfahrtszeit hat, wird die Planung schwierig. Vor allem, wenn das Wetter so wechselhaft ist wie diesen Sommer. „Ich habe gesagt, wenn ich für die Nachbarn fahren kann, kaufe ich ihn.“

In die Zukunft investiert

Mähdrescher im Einsatz auf dem FeldOb sich die Investition lohnt, hat er genau kalkuliert. Neu kostet so ein Gerät rund 300.000 Euro. Gebraucht knapp die Hälfte. „Dieser hat fünf Jahre auf dem Buckel, der sollte locker nochmal zehn Jahre halten“, rechnet Schmitt vor. „Dann ist er bezahlt.“

Etwa 220 Hektar sind es, die Schmitt in den zehn Urlaubstagen mäht. Und die Arbeit im Außendienst? „Wenn die Felder gemäht werden, haben meine Kunden auch keine Zeit“, meint er. Er betreut die landwirtschaftlichen Kunden der Volksbanken und Raiffeisenbanken im Raum Koblenz. „Hier gibt es alles: Feldfrucht, Gemüseanbau in Intensivkulturen, Wein, Pferde, Rinder, Milchvieh, Biogas“, erzählt er. „Landwirtschaft kann ich, das habe ich studiert. Aber wenn es an das Eingemachte bei den Winzern oder in den Intensivkulturen geht, frage ich den Kunden.“ 2010 hat er bei der R+V angefangen. „Es ist perfekt für mich. Ich kann mit den Landwirten reden und muss keinen Anzug tragen.“

Kühe, Schweine und Pferde lohnen sich nicht mehr

Den eigenen Hof führt er im Nebenerwerb. Früher hat der Hof dem Großvater gehört. Schmitt wusste von Kind auf, dass er ihn einmal übernehmen wollte. „Der Betrieb ist heute vor allem die Lohndrescherei“, berichtet der 37-jährige. „Von den Kühen, Schweinen, Pferden haben wir uns getrennt. Das lohnt sich nicht. Auch wenn ich meine Kühe gemocht habe, aber es war einfach zu viel Arbeit für wenig Geld.“ Schon im Studium wurden Schmitt die Augen geöffnet, ab welcher Größe sich ein Betrieb rechnet, damit eine Familie davon leben kann. „Da war schnell klar, dass wir uns spezialisieren oder aufhören mussten.“

Heute bewirtschaftet er rund 60 Hektar, zur Hälfte Grünland, zur Hälfte Acker. Das Heu verkauft er an Pferdehalter in der Umgebung. „Auf dem Acker arbeiten wir mit fünfjähriger Fruchtfolge: Raps, Weizen, Weizen, Sommergerste, Wintergerste. Damit haben wir wenig Pilzbefall oder andere Krankheiten, damit komme ich gut hin bei unseren Böden und der eher trockenen Witterung.“

Teils ist das Land gepachtet, teils gehört es ihm. Wenn er kann, kauft er noch dazu – er denkt langfristig, in Jahrzehnten. „Wenn ich als Landwirt nicht an Landbesitz glaube, wer denn sonst?“ fragt er und erzählt von einem kleinen Weinberg, den er gerade gekauft und für die nächsten 20 Jahre verpachtet hat.  Nachhaltiges Handeln ist bei dieser Denkweise ganz selbstverständlich. Das beginnt bei der Auswahl des richtigen Saatguts und endet bei dem sparsamen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. „Erstens will ich nicht so viel spritzen und außerdem kostet es ein Schweinegeld“, sagt Schmitt entschieden.

Eine gute Ernte hängt nicht nur vom Wetter ab

Das Korn hat gute Qualität. Dafür muss der Landwirt viele richtige Entscheidungen treffen.

Das Korn hat gute Qualität. Dafür muss der Landwirt viele richtige Entscheidungen treffen.

Die Ernte ist gut dieses Jahr, sagt Schmitt: „Dicke Körner, gute Fallzahl.“ Die Fallzahl bewertet die Backfähigkeit des Getreides. Hohe Qualität wird zu Lebensmitteln verarbeitet. Schlechte Qualität als Viehfutter verkauft. Schmitt erklärt: „Je länger das Korn auf dem Feld steht, desto schlechter können die Mühlen es verwerten. Daher fragt die Raiffeisengenossenschaft täglich bei mir an, wann sie den Weizen holen können.“

Ob ein Acker etwas abwirft, liegt an vielen Parametern: Größe und Feuchtegehalt des Korns, Verschmutzung, Pilzbefall. Eine niedrige Feuchtigkeit etwa ist wichtig für die Lagerfähigkeit des Getreides. Bei einem Preis von 200 Euro pro Tonne und sieben Tonnen Ertrag pro Hektar erzielt Schmitt in diesem Jahr 1.400 Euro pro Hektar Umsatz. Abzüglich Saat, Pflanzenschutz, Benzin, Lohn. „Ich hoffe“, meint er, „dass 500 Euro übrig bleiben pro Hektar. Das reicht zum Reinvestieren und um den Betrieb auszubauen.“ Zum Leben reicht es nicht. „Aber mein erklärtes Ziel ist ja nicht, viel Geld rauszuziehen, sondern langfristig zu denken und etwas aufzubauen.“

Dieses Jahr hat der Regen noch gerade rechtzeitig gutem Erntewetter Platz gemacht. „Die Gerste war top, das wird Braugerste,“ Schmitt greift ein paar Körner und lässt sie durch die Finger rinnen. „Und der Weizen ist Qualitätsweizen, der wird zu Brot oder Backwaren verarbeitet.“ Ist das ist ein schönes Gefühl? „Ja,“ sagt er.

Gastbeitrag von Stefanie Simon, Konzernkommunikation

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