Lärm im Alltag: Edward, die chinesische Mauer und ein Kinderlied

11. Sep 2012

von Christian Diel

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06.15 Uhr. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Heftiges Donnergrollen hat vergangene Nacht meine Ohren gequält. Jetzt ist die Luft frisch und klar, es verspricht ein schöner Sommertag zu werden. Vergessen ist die Müdigkeit.

Im Osten explodiert die Sonne wie ein riesiger Feuerball im Rückspiegel. Für meine Augen das erste Highlight des Tages. Einen Hochgenuss für meine Ohren allerdings, hält dieser Tag noch nicht bereit.

Im Gegenteil: Ein nervender Song aus den Charts trällert aus dem Radio. Das ist mehr, als ich meinen Lauschern nach der durchwachten Nacht zumuten will. Schließlich kommt auf sie im Laufe des Tages eine gewaltige Belastungsprobe zu.

Im Kreuzberger Ring öffnet sich mit Ächzen und Krächzen das Rolltor der Tiefgarage. Mein Türchip gewährt mir wenig später mit einem schrillen Piepton Einlass in’s Treppenhaus. Laut hallen meine Schritte vom Untergrund bis in die Empfangslobby.

Die Stechuhr stöhnt lustvoll, als sie mein Kommen registriert. Vielleicht ist es aber auch ein sorgenvoller Seufzer und sie denkt „Die schon wieder!“ Zwei weitere durchdringende Pieptöne und das akustische Schnarren der sich öffnenden Türen verschaffen mir Zutritt in die Büroetage.

Routine lässt lautstark grüßen

Mein erster Griff gilt der Aktivierung meines PC’s, der mich scheinbar freudig mit einem zärtlich hohen Pfiff begrüßt.

Es ist jetzt 06.25 Uhr, ich öffne die Fenster um noch etwas kühle Luft einzulassen. Ein Taubenpärchen versucht bereits zu dieser frühen Stunde geräuschvoll auf meiner Fensterbank seinen Testosteronspiegel zu senken. Mir ist das peinlich, deshalb aktiviere ich nebenan den Kopierer, der sich quietschend und ratternd zum Dienst meldet.

Familie Taube hat die geräuschvolle Familienplanung zwar abgeschlossen, doch jetzt verjagt mit lauten Böllerschüssen eine Schreckschussanlage die Krähen auf dem Erbenheimer Flughafen.

Es fällt schwer, bei diesen Salven den ersten Anrufer des Tages zu verstehen, doch ich gebe nicht auf. Noch immer verständnisvoll für die örtlichen Gegebenheiten schließe ich das Fenster.

Vier Stunden später sieht meine Gefühlswelt längst nicht mehr so freundlich aus. Mein Testosteronspiegel ist nicht gestiegen, dafür ist die Adrenalinausschüttung umso heftiger. Trockenbauer! Ihre Schlagbohrer arbeiten sich seit Stunden mit wütendem Knattern und Rattern durch Beton und Stahl.

Ich spüre die Vibrationen des Gebäudes körperlich, es ist, als würde mein Zahnarzt die neuen Kronen abschleifen. Zu allem Übel gesellt sich auch noch ein Sabotagealarm. So langsam setzt sich ein Heulkloß in meiner Kehle fest. Dennoch schaffe ich es irgendwie, alle Besucher in meinem Zimmer mit einem verbindlichen Lächeln zu begrüßen.

Mir kommt ein Kinderlied in den Sinn. „Still still still, weil’s Kindlein schlafen will“ . Meine Oma hat mir das immer vorgesungen. Damals war die Akustik in meiner Welt noch in Ordnung.

Lärm non-stop

Bald haben die Jungs vom Bau Mittagspause, in einer Stunde etwa müsste es soweit sein. Ihre Pause will ich für meine eigene Entspannung nutzen und es mir draußen gemütlich machen. Ein Plan der grausam vereitelt wird. Der Laubsammler lässt mich die Flucht ergreifen.

Sein Einsatz bedeutet meist 3 Stunden Dauerbeschallung in der Qualität einer ABC-Alarm-Übung. So ein Alarm, langsam und stetig anschwellend, ist meist nach wenigen Minuten vorbei, während sich der Laubsammler durch gefühlte 80 Hektar Wald vor unserem Gebäude arbeitet.

Nur weil die Blätter durch den Gewitterregen noch nass sind, will ihm sein Werk heute nicht so recht gelingen.

Doch Auftrag bleibt Auftrag und wer unseren Hausmeister kennt, führt seine Anweisungen lieber aus. Also wird jetzt die Hecke geschnitten. Die chinesische Mauer ist 8.851,8 km lang. Die Hecke um die BKK ist deutlich länger!

Die Motorsäge ist ein eher älteres Modell, bei dem die Entwickler auf Lärmdämmung offensichtlich noch kein Augenmerk gelegt hatten. Die Säge erscheint noch zorniger als die Bohrer. Zumindest hört sie sich so an, während sie ihre Schallleistung gnadenlos in das grüne Netzwerk eintaucht und den Lärmpegel um uns herum um Oktaven höher steigen lässt.

Mir kommt Edward mit den Scherenhänden in den Sinn. Die skurrile, tragische Figur aus einem preisgekrönten Kinofilm. Der konnte in Sekundenschnelle eine wild gewachsene Hecke in wunderschöne Naturskulpturen verwandeln, geräuschlos! Gott sei Dank bleibt die Säge nach einer Stunde in einem dicken Ast stecken und ein neues Sägeblatt scheint nicht griffbereit.

Geht’s ein bisschen lauter?

Die Flüche des Gärtners dringen sogar durch mein geschlossenes Fenster, hinter dem ich mich verzweifelt bemühe, meine Konzentration auf ein Rundschreiben zum außereuropäischen Recht zu lenken. Doch unser Naturbursche lässt sich nicht unterkriegen. Heute kommen wir in den Genuss seines kompletten Repertoire’s.

Gefühlt ist die BKK von ca. 11 Fußballfeldern englischen Rasens umgeben. Den Eindruck gewinnt man zumindest, wenn gemäht wird. Es hört und hört auch heute nicht auf. Ein monoton kreischendes Geräusch dringt bis in meine letzte Nervenzelle.

Vielleicht wäre es ein bisschen leichter zu ertragen, wenn wenigstens der Rasenmäher-Mann ein echtes Prachtexemplar wäre, so wie der aus Desperate-Housewives zum Beispiel. Allerdings könnte ich mich dann wohl aus anderen Gründen nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren, wegen des Testosterons und so.

Während sich der Rasenmäher langsam zur Raserei steigert, meldet sich der Schlagbohrer kurzfristig zurück und ihr gemeinsames Duett beschließt meinen Feierabend. Den verbringe ich mit meiner Schwester. Sie wartet schon am Treffpunkt und nimmt mich merkwürdigerweise erst wahr, als ich direkt in ihr Blickfeld trete.

Unter ihrem Haar sehe ich gelbe Ohrstöpsel hervorleuchten. Mit einer verständnislosen Geste mache ich sie auf ihre Hilfsmittel aufmerksam. „Sorry“, entschuldigt sie sich und entfernt den Lärmschutz. „Hab’ ich vergessen. Wir sind heute mit dem Büro umgezogen. Haben jetzt unseren Sitz in Kelsterbach/Einflugschneise neue Landebahn Flughafen Frankfurt.“

In der Ferne nehme ich neues Gewittergrollen wahr.
Schlimmer geht’s immer!

[Gastbeitrag von Heike Klipper, R+V Betriebskrankenkasse, Foto: Fotolia]

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Autor
Christian Diel

Teamleiter Kommunikation bei der R+V BKK und bloggt über Themen aus der Gesundheitswelt und der Kundenkommunikation.

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Kommentare

Sehr schöne Veranschaulichung der täglichen Lärmbelastung. Liest sich echt gut. 🙂