Resilienz – was heißt das?

Resilienz – was heißt das?
22. Feb 2013

von Karin Clemens

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„Durch Resilienz Krisen überstehen“, „das Unternehmen resilient machen“, „resiliente Führungskräfte“ … In den Schlagzeilen und in den Medien wird der Begriff Resilienz als DAS Mittel gegen Krisen und schwierige Situationen angepriesen – nicht nur für den Einzelnen, sondern auch und vor allem für Unternehmen und Organisationen.

Hierbei lohnt sich jedoch ein psychologischer Blick hinter die Kulissen der Bedeutung von Resilienz – ein hoch spannender Bereich:

Der Ursprung der Resilienzforschung liegt in der Beobachtung von Menschen, welche widrigste Lebensumstände überstehen, ohne daran zu zerbrechen. Trotz schwierigster Situationen meistern sie ihr Leben erfolgreich und entwickeln sich stetig positiv weiter.

Dies wurde vor allem bei Kindern – aber natürlich auch bei Erwachsenen – beobachtet: Ein Teil der Kinder und Erwachsenen, die in äußerst prekären Lebensverhältnissen aufwuchsen oder in ein ungünstiges Umfeld geraten sind (welches beispielsweise von Gewalt, Drogen, Naturkatastrophen etc. geprägt ist), überstehen diese Situation ohne seelischen Schaden.

Damit stellt sich natürlich die spannende Frage:

Welche Ressourcen befähigen einen Menschen traumatische Erlebnisse scheinbar unangetastet zu verarbeiten?

Zuerst einmal: Was ist Resilienz? Resilienz bedeutet Widerstandsfähigkeit: die Fähigkeit, Lebenskrisen mit allen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu bewältigen und sie als Anlass für die eigene Weiterentwicklung zu nutzen. Dabei handelt es sich um keine angeborene Eigenschaft, im Sinne von „einmal angelegt, für immer gegeben“.

Sie entwickelt sich in einem ständigen, wechselseitigen Austauschprozess zwischen der Person und den jeweiligen Umweltanforderungen (dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess). Die Widerstandsfähigkeit kann sich also auch im Laufe des Lebens verändern. Resilienz zeigt sich erst, wenn eine Person eine risikoreiche, belastende Situation erfolgreich bewältigt hat.

Das Wichtigste bei Resilienz ist, dass persönliche und soziale bzw. externe Ressourcen erkannt und aktiviert werden. Alles, was im Rahmen der Umstände möglich ist, muss genutzt werden!

Kommen wir nun zurück zu folgender Frage: Was zeichnet einen „resilienten“ Menschen aus? An dieser Stelle wurden einige globale Faktoren festgestellt, die sich bei Personen, welche schwierigste Lebensverhältnisse gemeistert haben, häufen:

  1. Akzeptanz der Situation und der damit verbundenen Gefühle. Bei „resilienten“ Menschen findet sich eine Art „radikale Akzeptanz“: Es ist, wie es ist. Da sich die Situation häufig nicht ändern lässt, müssen Lösungsansätze gefunden werden.

Und dies führt bereits zu einem weiteren wichtigen Faktor:

  1. Lösungsorientierung: Anstatt gedanklich in der Vergangenheit zu verharren wird der Blick nach vorne gerichtet. Im Sinne von „Was kann ich tun? Welche Möglichkeiten habe ich, wieder Freude in mein Leben zu bringen?“

Damit verbunden ist,

  1. sich nicht dauerhaft als Opfer zu fühlen: „Resiliente“ Menschen verweilen nicht lange in ihrer Opferhaltung, sondern sie versuchen – in realistischer Einschätzung ihrer Möglichkeiten – ihr Leben neu zu gestalten.

Dies kommt auch daher, dass sie

  1. die Wechselfälle des Lebens einplanen: „Resiliente“ Menschen sind sich bewusst, dass im Leben nicht alles glatt laufen kann. Dementsprechend werden sie in ihrem Selbst- und Weltverständnis nicht völlig zerstört, wenn es passiert.

Auch die Schuldfrage steht nicht im Fokus:

  1. Die Schuld wird weder sich selbst, noch anderen oder äußeren Bedingungen zugewiesen. Auch „was wäre wenn-Fragen“ können nie eindeutig beantwortet werden; sie kosten Energie und blockieren den Blick nach vorne.

Viel wichtiger ist die

  1. Einbindung in soziale Netzwerke: „Resiliente“ Menschen sind in der Lage, andere Personen, welche bereit sind ihnen zu helfen, um Unterstützung zu bitten.

Und letztendlich zeigen „resiliente“ Menschen

  1. eine positive Lebenseinstellung: Sie haben die unerschütterliche Überzeugung, dass sich nach schwierigen Zeiten die Dinge auch wieder zum Positiven wenden werden.

Auch wenn es nicht ganz einfach ist, sich diese Faktoren auf die Schnelle anzueignen, die Perspektive, die innere Haltung und Einstellung, die dahinter stehen, können erlernt und geübt werden. Sie stimmen auf alle Fälle nachdenklich.

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Autor
Resilienz – was heißt das?
Karin Clemens

Dipl.-Psych., Geschäftsführerin von HumanProtect Consulting (HPC), ein Tochterunternehmen der R+V, das Dienstleistungen rund um die psychische Gesundheit anbietet.

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Kommentare

Stefan Bornemann / http://www.lead-conduct.de/spannkraft-blog/

10:59 23.02.2013

Hallo Frau Clemens,

zunächst vielen Dank für Ihren Beitrag, der sich gut als thematischer Einstieg eignet. Gestatten Sie mir aber noch folgende Ergänzungen: Resilienz oder engl. ‚resilience‘ bedeutet aber nicht nur widerstandsfähig, sondern auch Elastizität bzw. Flexibilität bzw. Spannkraft. Von daher sollte der Begriff nicht zu eng auf den Aspekt der Widerstandsfähigkeit gefasst werden. Im Wesentlichen geht es doch darum, das ein System oder ein Organismus sich die innere Fähigkeit bewahrt, in einem einen Zustand dynamischer Stabilität zu agieren bzw. diesen wieder herstellt.

Eine gute Abhandlung zum diesem Thema finden Sie bei Erik Hollnagel: Resilience: The Challenge of the Unstable. In: E. Hollnagel, u.a. (Hrsg.): Resilience Engineering. Concepts and Precepts. Burlington, 2006, S16ff.

Darüber hinaus verweise ich auf meinen Gastbeitrag unter dem folgenden Link:
http://goaling.wordpress.com/2013/02/13/improvisationsfahigkeit-im-unternehmerischen-kontext/

Hier versuche ich mich, der Improvisationsfähigkeit aus Sicht der Organisationen zu nähern. Weitere Berichte hierzu folgenden innerhalb der kommenden Wochen.

Wolfgang T. Kehl / http://www.goaling-abläufe.de

12:06 23.02.2013

Guten Tag, Frau Clemens,
Sie bringen es auf den Punkt, was unter Resilienz zu verstehen ist. Das ist in Ordnung für Menschen, die sich die Zusammenhänge bewusst machen und danach handeln. Was ist mit den Millionen Menschen, die im Stress-Report 2012 angesprochen sind? Den Menschen, die die 53 Millionen Krankheitstage durch psychische Belastung verursachen? Haben diese Menschen noch die Kraft, um aus dem „Loch“ herauszukommen?

Prof. Oetinger von der HTW Saarland stellte in seiner Studie fest, dass es an der Unternehmensführung mangelt. Es wird betriebswirtschaftlich eng und der Blick fällt auf die Personalkosten. Wir lesen die Auswirkungen täglich in der Zeitung.

In der Arbeitswelt muss sich etwas (oder auch viel) ändern, aber dabei sollte man an die Wurzel gehen und das bedeutet, sich im Einzelfall bewusst machen, was an dem Arbeitsplatz geschieht und wie man das besser gestalten kann. Hier lassen sich wahre Goldadern erschließen und es muss keine Primitiv-Sanierung stattfinden. Ein paar Tipps findet man unter http://www.goaling-abläufe.de

Resilienz – was heißt das? Karin Clemens

17:51 25.02.2013

Hallo Herr Bornemann,
hallo Herr Kehl,

danke für die Ergänzungen. Natürlich kann und muss man „Resilienz“ auf verschiedenen Systemebenen betrachten. Ein erfolgreiches Gesundheitsmanagement kann sich nicht nur auf die Verhaltensprävention in Bezug auf den Einzelnen fokussieren, sondern muss selbstverständlich auch die Verhältnisprävention in der Organisation aufgreifen. Notwendigerweise, und das passiert derzeit ja auch, muss auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene die Art, wie wir arbeiten und leben wollen reflektiert und diskutiert werden.

Stefan Bornemann / http://www.lead-conduct.de/spannkraft-blog/

15:04 02.03.2013

Hallo Frau Clemens,

vielen Dank für Ihre Antwort. Aufgrund Ihres Beitrages hier noch eine valide und zuverlässige Kurzanalyse für das Thema „Zuverlässigkeit in Organisationen“.

http://www.lead-conduct.de/2013/03/01/mos-eine-kurzanalyse-zur-zuverlassigkeit-von-organisationen/

Das Instrument wurde vor einigen Jahren von Wissenschaftlern in Amerika im Krankenhaus-Umfeld entwickelt.

Für die Beantwortung der 9 Fragen benötigt man max. 2 Minuten.