Supernasen retten Menschenleben

Supernasen retten Menschenleben
1. Jul 2021

von Funda Dogan

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Bei Jessica Wollrab piepst der Melder. Ein Sucheinsatz: Ein junger Mann wird vermisst, Suizidgefahr. Eilig packt sie ihren Rucksack ins Auto, ruft ihre Hunde: den erfahrenen Schäferhund-Mix Poldi, auch Such-Azubi Grisu darf mitfahren. Jede Minute zählt. Zehn bis zwanzig Mal im Jahr wird Jessica Wollrab mit ihren vierbeinigen Schnüffelspezialisten zum Einsatz gerufen. Die Kundenbetreuerin in Kraftfahrt Betrieb Hannover ist seit zehn Jahren aktiv in der Rettungshundestaffel des Deutschen Roten Kreuzes.

„Wenn eine Person vermisst wird, ist die Polizei die erste Anlaufstelle“, erklärt sie. „Wenn die Hunde gebraucht werden, fahren wir schnellstmöglich zur Einsatzstelle.“

Die Hunde suchen nach menschlichem Geruch

Am Einsatzort wird die Lage geklärt. Wo ist das Suchgebiet, welche Hunde kommen zum Einsatz? Poldi ist ein Flächensuchhund: Sie laufen frei in einem bestimmten Gebiet und schnüffeln nach menschlichem Geruch. „Ich unterstütze meinen Hund, stoppe ihn von weitem, wenn er sich einer Straße nähert – aber er hat die Nase“, erläutert Wollrab. „Unsere Hunde sind so erfahren, dass sie genau wissen, wie sie zu suchen haben. Sie haben gelernt, selbstständig zu arbeiten.“ Oft ist das Gelände so weitläufig, dass ein einzelner Hund es nicht abdecken kann. „Dann bilden wir eine Suchkette, so dass die Gebiete der Hunde sich überschneiden.“

Bellen, bis der Retter kommt

Damit kein Jäger die vierbeinigen Lebensretter mit einem wildernden Artgenossen verwechselt, tragen sie grellfarbene Kenndecken. Findet der Hund einen Menschen, zeigt er an: Viele bellen laut, bis der Hundeführer vor Ort ist. Andere sind Rückverweiser, sie laufen zurück zum Hundeführer und führen ihn an der Leine zum Opfer.

Haben die Hunde ihr Ziel gefunden, bekommen sie die verdiente Belohnung. „Meine Hunde bekommen Futter für ihre Arbeit“, meint Wollrab und ergänzt: „Die Portionen stehen immer im Kühlschrank bereit für den nächsten Einsatz.“ Das Futter nimmt sie im Rucksack mit. Außerdem hat sie einen Kompass eingepackt und ein GPS-Gerät. Wasser für Hund und Mensch, ein kleines Erste-Hilfe-Päckchen, falls der Hund sich verletzt. Natürlich auch Erste Hilfe mit Rettungsdecke für den Vermissten. Und – ein Fläschchen Babypuder. „Wenn ich das verstäube, kann ich ganz einfach bestimmen, wie der Wind weht,“ erklärt die Hundeführerin. „Das ist eine wichtige Information für mich, um die bestmögliche Einsatztaktik für meinen Hund zu wählen. Die erfahreneren Hunde haben natürlich gelernt, selbst den Wind zu nutzen.“

Training macht den Meister

Es braucht viel Übung, bis der Hund genug Erfahrung hat, um zuverlässig zu arbeiten. Er lernt, den Wind zu nutzen – denn liegt die gesuchte Person im dichten Unterholz, verbreitet sich der Geruch ganz anders, als wenn sie oben auf einem Hochsitz versteckt ist. Er macht die Erfahrung, dass ein Mensch kauern, liegen, gehen oder auch vornübergebeugt stehen kann. Er lernt, den Menschen zuverlässig anzuzeigen. Und auch, dass ein verlorener Handschuh zwar nach Mensch riecht, aber nicht angezeigt werden muss.

Regelmäßig geht Jessica Wollrab mit ihren Hunden daher zum Training: „Wir trainieren jede Woche einige Stunden Gehorsamsaufgaben für den Hund. Am Wochenende gilt ein ganzer Tag dem Training in der Flächensuche, manchmal üben wir noch zusätzlich einen Tag die Wassersuche.“ Dazu absolviert sie selbst Theoriestunden, wirbt um Spenden oder neue Mitglieder, besucht Fortbildungen als Sanitäterin. „Da kommt einiges zusammen“, meint sie. „Ohne Unterstützung aus der Familie könnte ich das nicht leisten.“

Drei Hektar in 20 Minuten

Bevor der Hund in den Einsatz darf, muss er eine Prüfung absolvieren, erklärt die Hundeführerin: „Dabei suchen die Hunde ein Gebiet von zwei bis drei Hektar innerhalb von 20 Minuten ab. Das sind etwas mehr als vier Fußballfelder, aber mit Unterholz, Gräben und Hecken.“

Alle zwei Jahre wird die Prüfung wiederholt. Denn im Ernstfall geht es um Menschenleben. Oft suchen die Teams nach an Demenz erkrankten oder verletzten Personen. Immer wieder auch nach Menschen, die selbstmordgefährdet sind. „Nicht immer finden wir sie rechtzeitig,“ weiß die Sanitäterin. Den Umgang mit Menschen in solchen Ausnahmesituationen lernen die Retter in der Ausbildung, sie werden jedoch auch von der Polizei unterstützt.

Gelegentlich hat eine gesuchte Person eine Waffe dabei. „Dann muss ich entscheiden, setze ich meinen Hund dieser Gefahr aus oder nicht. Die Person erkennt nicht immer, dass es ein Rettungshund ist – und den Hund kann in dem Moment keiner schützen, der ist immer ganz vorn.“

Eine große Verantwortung

Routine wird der Einsatz nie, vor allem, wenn Kinder gesucht werden. „Da sind wir schon sehr angespannt,“ meint Wollrab. In die Verantwortung einer solchen Suche wächst man hinein, sagt sie: „Ein Hund braucht etwa drei Jahre, bis er die Prüfung bestehen kann. In der Zeit bin ich mit erfahrenen Teams mitgelaufen, habe Erfahrungen gesammelt.“

Eine Suche ist nie eine Einzelleistung, es sind immer andere Hundeführer dabei, mit denen sie sich austauschen kann. „Wenn ich eine falsche Entscheidung treffe oder der Hund nicht richtig arbeitet, würde das mein Kamerad ansprechen. Da habe ich jemanden, der sagt: Mach mal eine Pause, dann setzen wir nochmal an“, erklärt Wollrab und setzt hinzu: „Wenn ich am Ende entscheide, in meinem Suchgebiet ist niemand drin, muss ich das mit meinem Gewissen vereinbaren. Sollte ich Zweifel haben, gebe ich das Gebiet nicht frei.“

Wasserortung

16 Seen gibt es in der Region Hannover – vom 29 Quadratkilometer großen Steinhuder Meer bis zum kleinen Kiesteich. Daher bildet die Rettungshundestaffel auch Hunde für die Wasserortung aus. Dann stehen oder liegen die Hunde ganz vorn auf der abgesenkten Bugklappe eines Boots, schnüffeln mit tiefer Nase und nehmen auch mal einen Schluck Wasser ins Maul, um den Geruch zu schmecken. „Die Hunde suchen im Wasser nach den Vermissten,“ erklärt Jessica Wollrab. „und zeigen den Geruch durch Bellen, Kratzen oder Jaulen an.“

Damit beginnen die Hunde erst, wenn sie bereits geübte Flächensuchhunde sind. Auch der Hundeführer braucht dazu viel Erfahrung: „Wenn jemand ertrinkt, steigt der Geruch auf, steht auf der Wasseroberfläche und wird von Wind und Strömung mitgenommen. Um die richtige Stelle zu finden, muss ich als Hundeführer überlegen, wie fahre ich das Gewässer ab, mit oder gegen die Strömung, wie steht der Wind.“ Ergänzend suchen andere Hunde den Rand des Gewässers ab und zeigen stärkere oder schwächere Witterung an. „Alles zusammen ergibt das die Information, wo die Taucher schließlich übernehmen.“

Das Training beginnt an Land, mit Gefäßen, die entsprechende Geruchsartikel für die Ausbildung enthalten. „Die Hunde müssen den realen Geruch kennenlernen, damit sie keine Kleidungsstücke oder tote Tiere anzeigen“, erklärt Jessica Wollrab die Vorgehensweise. „Wenn wir dann wirklich einen Ertrunkenen finden, ist es für die Hunde total überwältigend. Denn wir trainieren sonst nur mit kleinen Geruchsträgern, im Einsatz ist das Geruchsbild auf einmal sehr stark.“

Profi und Nachwuchshund

Schäferhund-Mix Poldi ist ein erfahrener Rettungshund, schon seit 2012 ist er Teil der Staffel. Er arbeitet an Land und auf dem Wasser, auf ihn kann sich Jessica Wollrab blind verlassen. Inzwischen ist Poldi zehn Jahre alt und daher steht Nachwuchshund Grisu schon in den Startlöchern. Lange hat Wollrab nach dem richtigen Hund gesucht und sich schließlich für einen Working Kelpie entschieden. Die aus Australien stammende Hütehundrasse ist ausgesprochen leistungsfähig und robust.

 

„Grisu ist jetzt drei, wegen Corona hat er seine Prüfung noch nicht machen können. Aber seit er zehn Wochen alt ist, nehme ich ihn mit zum Training und zu den Einsätzen, auch wenn er natürlich noch nicht arbeiten darf“, erzählt sie. „So bekommt er den ganzen Trubel mit, lernt ganz entspannt Blaulicht, Polizeiuniformen und Hubschrauber kennen.“ Sie freut sich darauf, wenn Grisu endlich die Prüfung absolvieren kann und dann mit in die Einsätze geht. Bald soll noch ein weiterer junger Hund im Hause Wollrab einziehen – für die nächste Generation der DRK-Rettungshundestaffel in Hannover.

Ein Gastbeitrag von Stefanie Simon, aus der R+V-Konzern-Kommunikation

 

 

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