Wie ist der Tierkomfort in Großbetrieben?

Wie ist der Tierkomfort in Großbetrieben?
17. Jun 2015

von Dr. Markus Berneiser

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Vereinfachungen können das Leben vermeintlich leichter machen, sind aber nicht immer zielführend. In Bezug auf die landwirtschaftliche Tierhaltung sind Schlagworte wie „Klein ist gut, groß ist schlecht“ und „Früher war Tierhaltung artgerechter“ deshalb nicht viel mehr als Allgemeinplätze. Im Beitrag räumen wir mit Vorurteilen auf und zeigen, wie Tierhaltung in Großbetrieben abläuft.

Zu Großvaters Zeiten war die Haltung landwirtschaftlicher Tiere auch nicht perfekt. Rinder wie Schweine wurden zwar in Klein- und Kleinstbeständen gehalten, standen jedoch oft in engen und dunklen Ställen.

Das Stallklima war nicht immer gut: Fehlende Luftzirkulation führte zu starker Geruchsbelästigung durch Ammoniak, Befall mit Schadnagern (Ratten, Mäuse) und durch Mücken geplagte Tiere waren nicht ungewöhnlich. Auch Freilandhaltung war nicht der Standard, so dass viele Tiere den Himmel erst dann sahen, wenn sie den Betrieb verließen.

Moderne Tierhaltung bietet Komfort für Tiere

Kühe im Melkkarussell

Melkkarussell der Laproma AG

In puncto Haltungsformen sowie Stall- und Melktechnik ist die Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten rapide vorangeschritten. Moderne Kuhställe sind offen, weitläufig, hell und verfügen über eine gutes Stallklima.

Weiche Liegematten, automatische Fütterung je nach Gusto des Tieres und die Möglichkeit einer Massage durch eine Kuhbürste gehören in einem modernen Betrieb zum Alltag einer Milchkuh. Verfügt der Betrieb zudem über einen Melkroboter, können die Kühe sogar den Zeitpunkt des Melkens selbst bestimmen. Das sorgt für Entspannung im Hof-Alltag.

Herr Kirchner ist Vorstandsmitglied der Erzeuger- und Handels-AG LAPROMA in Schloßvippach, die unter anderem rund 1.000 Milchkühe mit eigener Nachtzucht hält.

Herr Kirchner, was halten Sie von Pauschalaussagen wie „Klein ist gut, groß ist schlecht“?

Nichts. Es dient der Landwirtschaft nicht, dass Groß gegen Klein bzw. umgekehrt ausgespielt wird. Tierwohl hat nichts mit Größe zu tun, sondern mit Haltungsbedingungen. Entscheidend ist, wie es den Tieren geht. Große Anlagen mit vielen Tieren beweisen in der Praxis, dass Kühe artgerecht gehalten werden können. Allerdings gibt es überall schwarze Schafe.

Welchen Komfort bieten Sie Ihren Tieren, den nicht jeder (kleine) Betrieb bieten kann?

Jede Kuh hat eine Aktionsfläche von über 8 m² zur Verfügung, wo sie sich ständig frei bewegen kann. Durch Außenklimaställe mit isolierten Dächern und die zusätzliche Installation von Kuhbürsten haben wir Voraussetzungen geschaffen, die weit über den geforderten Standards liegen. Die nicht laktierenden Kühe haben die Möglichkeit des Auslaufs bzw. der Weidenutzung.

Verbraucher wünschen günstige Preise und Tierschutz auf höchstem Niveau – können Sie diesen Spagat leisten?

Der Landwirt kann nur mit gesunden Tieren Geld verdienen und hat somit das größte Interesse, gesunde und vitale Tiere zu halten. Er kennt die Lebensbedingungen eines Rindes am besten. Der Verbraucher muss aufpassen, dass das Tier nicht vermenschlicht wird. Nicht alles, was für Menschen gut ist, ist für Tiere gut. Zum Beispiel: Die Wohlfühltemperatur eines Rindes liegt bei 0 bis 5 °C.

Beim sachlichen Herangehen an das Thema Tierschutz sehe ich keinen Widerspruch. Fakt ist: Alle Leistungen über dem Standard müssen dem Landwirt honoriert werden: Hier gibt es große Reserven in der Übereinstimmung von Wort und Tat des Verbrauchers.

Was tun Sie, um Ihren Betrieb positiv in der Öffentlichkeit darzustellen?

Wir versuchen ein realistisches Bild unseres Betriebs mit allen Vor- und Nachteilen der Bevölkerung und den Besuchern aus aller Welt zu vermitteln. Das jährlich stattfindende Hoffest im Juni soll uns dabei helfen. Die Besucherzahlen an diesem Tag zeigen uns, dass Interesse besteht, Landwirtschaft im 21. Jahrhundert zu erleben.. Im Jahr 2014 hatten wir ca. 4.000 Gäste.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Kommentare

Maxx / https://kuhbuerste.net/

23:02 27.10.2017

Hallo Herr Dr. Berneiser,

ich bin gerade zufällig über Ihren Beitrag „gestolpert“.

Ich muss schon immer schmunzeln, wenn ich lese „früher war alles“ besser.

In der Tat, kann der Punkt kontrovers diskutiert werden. Die Technik und der Fortschritt haben den Komfort der Tiere insbesondere beim Stallbau deutlich gesteigert.

Auch das erweitere Wissen, können die Tierhaltung massiv verbessern.

Aber es ist auch immer eine Frage, was der Mensch draus macht.

Wenn der Verbraucher sich mehr damit beschäftigen, was er ist und sich seinen „Lieferanten“ besser aussuchen würde, wäre uns allen schon sehr geholfen.

Viel Erfolg!