Was bedeutet psychische Gefährdungsbeurteilung?

Was bedeutet psychische Gefährdungsbeurteilung?
25. Okt 2012

von Karin Clemens

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Um menschengerechte Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, fordert das Arbeitsschutzgesetz (§5 ArbSchG) von Arbeitgebern eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Hierbei sollen nicht nur physikalische, mechanische, elektrische, biologische Gefährdungen etc. am Arbeitsplatz geprüft werden, sondern bereits seit 1996 auch psychische Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung mit einbezogen werden.

Was psychische Arbeitsbelastungen sind, ist gemäß DIN EN ISO 10075 festgelegt. Psychische Belastung ist die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken.

Also tatsächlich alles, was „von außen“ kommt und psychisch auf Menschen einwirkt, sowohl positiv als auch negativ.

Im Arbeitsprozess sind das alle Einflüsse und Anforderungen, die durch Arbeitsaufgabe, Arbeitsumgebung (physikalisch, sozial) und Arbeitsorganisation bzw. Arbeitsablauf auf den Menschen einwirken.

Hier sind vor allem die psychischen Arbeitsbelastungen im Fokus, die sich negativ auf den Menschen auswirken z. B. in Form von Ermüdung, Monotonie, Unzufriedenheit, Stresserleben, Leistungsminderung, Gesundheitsbeschwerden etc.

Wie bedeutsam das Thema ist, zeigt u. a. die Studie des Robert Koch-Instituts zum Thema „Gesundheit in Deutschland“ (GEDA 2011). Hier gaben u. a. 36 % der Frauen und 44 % der Männer an, „häufig unter Zeit- oder Leistungsdruck arbeiten zu müssen“.

Doch was steht konkret hinter der beklagten Zeitnot oder dem zu hohen Leistungsdruck – und wie sollen Unternehmen und Führungskräfte darauf reagieren?

Psychische Gefährungsbeurteilung

Bei der psychischen Gefährdungsbeurteilung geht es also zunächst darum, jene arbeitsbezogenen Faktoren zu ermitteln, die zu negativen Folgen bei den Mitarbeitern und Führungskräften führen können.

Dabei werden sowohl die konkreten Arbeitsaufgaben berücksichtigt (z. B. Menge, Komplexität) wie auch die organisatorischen und sozialen Arbeitsbedingungen (z. B. Zeitdruck, störende Unterbrechungen des Arbeitsablaufs, Feed-Back-Kultur etc.).

Wir folgen dabei der Einschätzung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, dass es zwar „in unserer modernen Arbeitswelt ganz bestimmte Einflüsse gibt, die mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Fehlbeanspruchung führen als andere“.

Gleichzeitig ist es aus psychologischer Sicht wichtig, im Blick zu behalten, dass sich auch objektive Belastungen nicht zwangsläufig negativ auf alle Mitarbeiter auswirken müssen, sondern stets in Abhängigkeit von der individuellen Leistungsfähigkeit betrachtet werden müssen. Aus diesem Grund ist jenseits einer statistischen Auswertung eine arbeitspsychologische Analyse notwendig.

Ziele der psychischen Gefährdungsbeurteilung

Ziel der psychischen Gefährdungsbeurteilung ist, fundierte Ansatzpunkte herauszuarbeiten, um Arbeitsplatzgestaltung und Arbeitsabläufe derart belastungsorientiert zu gestalten, dass günstige Voraussetzungen für alle Mitarbeiter geschaffen werden – unabhängig von individuellen Voraussetzungen.

Die Ziele sind also eindeutig und wichtig:

  • Ermittlung von psychischen Fehlbelastungen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen
  • Ableitung von Maßnahmen, die zur Verhinderung/Verringerung von psychischen Fehlbelastungen führen

Während die Ziele klar sind, bleibt das methodische Vorgehen offen bzw. frei gestaltbar, was einerseits zu großer Verunsicherung von Unternehmen führt, aber auch die Chance bietet, ein Vorgehen zu wählen, welches die speziellen Gegebenheiten und Bedingungen eines Unternehmen nutzen kann.

Wie kann man vorgehen?

Grundsätzlich hat sich ein schrittweises Vorgehen bewährt, das mit einer ersten Gefährdungsbeurteilung (Grobanalyse) in Form einer anonymen Mitarbeiterbefragung beginnt. Dafür gibt es eine Vielzahl von erprobten und gut evaluierten Fragebögen.

Nicht selten führen Unternehmen schon turnusmäßig Mitarbeiterbefragungen durch, so dass diese mit einer spezifischen Erweiterung auch für die erste Gefährdungsbeurteilung genutzt werden können.

Eine differenzierte Erfassung der Arbeitssituation (Feinanalyse), der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsabläufe kann dann über moderierte Gruppengespräche, spezifische Checklisten, Beobachtungen und individualisierte Exploration etc. erfolgen. Das macht besonders dann Sinn, wenn in einzelnen Bereichen oder Gruppen kritische Werte ermittelt wurden.

Auch eine Kombination der Grob- und Feinanalyse als multimodale Erfassung ist möglich, z. B. in Form einer Querschnittserhebung durch Mitarbeiterbefragung plus Tiefenerfassung durch Gruppen-/Einzelexploration.

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Was bedeutet psychische Gefährdungsbeurteilung?
Karin Clemens

Dipl.-Psych., Geschäftsführerin von HumanProtect Consulting (HPC), ein Tochterunternehmen der R+V, das Dienstleistungen rund um die psychische Gesundheit anbietet.

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